Vom Keller hin zum Weltwunder
Die "Capella Leopoldina" des Cellisten Jörg Zwicker ist 20 Jahre jung. Im Musikverein gibt das formidable Barockorchester sein Festkonzert.

Foto © KK
Einen Fußballverein gründet man, indem man zunächst einmal mindestens elf Spieler und eine geeignete Wiese sucht. Wo lag den Ihre "Wiese" und was wurde zum ersten Mal gespielt?
JÖRG ZWICKER: Unser "Wiese" war im Keller des Grazer Musikgymnasiums, in dem wir wöchentlich (!) probten, um am Jahresende ein (!) Konzert im Minoritensaal zu spielen. Am Beginn standen Bachs Brandenburgische Konzerte, die wir nun zu unserem Jubiläum wieder aufführen.
Wie denkt "Trainer" Zwicker heute über seine Mannschaft?
ZWICKER: Mir gefällt der Vergleich sehr gut, denn wie im Fußball muss ich auch hier für verschiedene Positionen die geeigneten Leute finden. Ein Fußballteam aus lauter Ronaldos wird nicht gewinnen. Ähnlich ist es im Orchester. Ein Ensemble aus lauter "Alphatierchen" funktioniert nicht. Es gibt bei uns eindeutige Gründe, warum wer auf welcher Position spielt, weil es wichtig für den Gesamtklang des Orchesters ist. Genau mit diesem Aspekt in der Mannschaftsfindung haben wir uns viel auseinandergesetzt. Ich habe das Glück, solche Musiker gefunden zu haben, die diese Philosophie mittragen.
Auf dem Foto zu dem Interview steht: "Werden Sie Extremist!" Was ist denn das Extreme, ein Ensemble über so lange Zeit zu leiten?
ZWICKER: Viele Höhen und Tiefen zu überwinden. Man schreibt 180 Agenturen oder Veranstalter an und bekommt von maximal von zweien, dreien Rückmeldungen. Ständig ist man am Suchen, am Organisieren und Kreieren neuer Programmkonzepte. Vieles davon landet wieder in einer Lade, weil die Finanzierung nicht klappt, eine andere Idee dazwischenkommt oder der Veranstalter doch lieber ein Ensemble aus dem Ausland holt. Doch wenn man dann mit diesen Musikern auf der Bühne steht und diese wunderbare Musik macht, weiß man, warum man sich das immer wieder antut. Es ist ein Privileg!
Drei Dinge, die Ihnen wesentlich sind in der Ensemblearbeit?
ZWICKER: Die Musiker müssen menschlich zusammenpassen, einen ähnlichen Interpretationszugang zur gespielten Musik haben und verlässlich sein.
Was haben Sie selbst in den zwei Jahrzehnten am besten gelernt?
ZWICKER: Diszipliniert zu arbeiten, meinen eigenen Weg zu gehen und mir selbst der schärfste Kritiker zu sein.
Wo möchten Sie mit dem Ensemble" anno 2032 angekommen sein?
ZWICKER: Es wäre schön, wenn wir in 20 Jahren immer noch so gern und auf so hohem Niveau miteinander musizieren könnten.
Fad ist Ihnen heuer wohl nicht.
ZWICKER: Nein, nicht wirklich. Wir haben die Jubelsaison im Wiener Musikverein mit Händels "Dettinger Te Deum" und Bachs "Magnificat" eröffnet und beenden sie mit Bachs "Johannes-Passion" in Wien und Händels "Judas Maccabäus" im Grazer Dom.
Sie kehren gerade von einem Konzert in den Ruinen des Mausoleums von Halikarnassos zurück. Wie ist es denn, in einem Weltwunder der Antike aufzutreten?
ZWICKER: Wir spielten in der Türkei mit einem Quintett der "Capella Leopoldina". Es ist beeindruckend, an solch geschichts-trächtigen Plätzen sein zu dürfen, und ich verstehe die Begeisterung der Veranstalter. Jedoch eignen sich leider nicht alle für Konzerte. Ich sage nur: Akustik, Wind, Sonne, Luftfeuchtigkeit.
Konzerte mit der "Capella Leopoldina" unter Jörg Zwicker: 30. 9., 11 Uhr, Schloss Gleinstätten, Karten: Tel. (0 34 57) 22 15.
1. 10., 19.45 Uhr, Stephaniensaal Graz. Karten: Tel. (0 31 6) 82 24 55.
Features
Fakten
Jörg Zwicker, geboren 1969 in Judenburg.
Karriere: Musikstudien in Graz, Den Haag und Basel. Schüler u. a. von Nikolaus Harnoncourt.
Barockcellist, gründete 1992 in Graz die "Capella Leopoldina".
Mehr als 40 CD-Einspielungen.
Lehrt in Graz und Wien.
Bundessachverständiger für Reptilien, aktiver Artenschützer.
www.capellaleopoldina.at
















