Badora: Seiltänzerin zwischen Büro und Bühne
Anna Badora leitet seit sechs Jahren sehr erfolgreich das Grazer Schauspielhaus. Am Freitag feiert dort ein artfremdes Stück seine Premiere: Die Sommerredoute.

Foto © Gernot EderAnna Badora, Intendantin des Grazer Schauspielhauses
Ihre eigentlichen Ziele glitzern, funkeln und scheinen hoch über Graz. Mindestabstand: 150 Millionen Kilometer, meist sind es Lichtjahre. "Nach den Sternen greifen" hat Anna Badora als Generalmotto ihrer 2006 gestarteten Intendantenzeit am Grazer Schauspielhaus ausgerufen. Eine Metapher für das Streben nach dem Unmöglichen, Beschreibung des täglichen Drahtseilakts zwischen künstlerischem Qualitätsanspruch, betriebswirtschaftlichem Korsett und politischen Kulissenschiebern. Spardiktat der öffentlichen Förderhand, Zurückhaltung privater Sponsoren: keine ganz einfache finanzielle Grundierung, um das Image eines Traditionshauses aufzupolieren. "Es ist ein Jonglieren an der Kippe mit der permanenten Gefahr, abzustürzen", vergleicht Badora. Es sei furchtbar, wenn beim Suchen nach Einsparungen immer zuerst auf die Kultur gezeigt wird.
Dem Immer-weniger zum Trotz: Statt Absturz gab es in den vergangenen sechs Jahren regelmäßig Aufschwung. Nicht nur dank zahlreicher internationaler Auszeichnungen für Regiearbeiten des Hauses, hier engagierte Schauspieler oder die Chefin selbst - "Die Presse" hat sie 2011 zur "Österreicherin des Jahres" in der Kategorie Kulturmanagement gekürt. Auch Rekordauslastungsquoten jenseits der 85 Prozent sind Trophäen bei der selten die Bodenhaftung verlierenden Jagd Badoras durch die Theater-Galaxie. "Weil wir vieles machen, was eigentlich gar nicht geht, weil wir im positiven Sinn verrückt sind", beschreibt sie die erfolgreiche Taktik ihres Teams.
"Ein bisserl schizophren"
Am kommenden Freitag steht ein nächster Walkürenritt am Spielplan. Das Schauspielhaus öffnet sich für eine gänzlich genrefremde Inszenierung: die "Sommerredoute der steirischen Wirtschaft", ein Sommerball von und für die Unternehmer des Landes und ihre Kunden, aber auch die feierlustige Allgemeinheit.
Ganz neu ist diese Synthese von Kunst und Wirtschaft für Badora nicht. In Düsseldorf, wo sie vor Graz das Schauspielhaus geleitet hat, existierte ein sehr eng geknüpftes Kooperationsnetz mit den lokalen Industriekapazundern wie ThyssenKrupp oder Henkel. Neben Gastauftritten in den Unternehmen und Seminaren für Manager (beispielsweise zum Thema Stimmbildung oder Körpersprache) gab es regelmäßig auch Feste. Aus diesem Dialog seien immer wieder spannende Dinge entstanden. In Graz schlummere diesbezüglich noch viel Potenzial. Die Redoute könnte eine Chance sein, theaterfremde Personen ins Haus zu locken, hofft Badora. "Graz steht eine derartige Redoute jedenfalls gut zu Gesicht, weil sie zur Lebensfreude einer Stadt gehört", findet die Hausherrin, die für einen Abend das Zepter an Eventprofis statt Gastregisseure abgibt.
Managerin oder Künstlerin? Ihr persönliches Verhältnis zur Wirtschaft ist ein mehrgleisiges. In der Doppelrolle als geschäftsführende Intendantin und Regisseurin muss sie permanent zwischen Organisationsdiagrammen und Bühnenbildern wechseln. "Das ist ein bisserl schizophren", lacht sie.
"Reise zum Mars"
Aufgewachsen im tief realsozialistischen Polen der Nachkriegszeit haben sich Situationen wie das Anstellen vor Lebensmittelgeschäften prägend in Badoras Unterbewusstsein eingeschliffen. Dazu die vom Vater regelmäßig auf Basis der tausendjährigen Ewigfeindschaft zwischen Polen und Deutschland vorgerechnete Warnung vor einem bevorstehenden Wiederaufflammen des Konflikts und die Überzeugung, dass das Auswandern in den Westen in den 1970er-Jahren mit einem Nimmerwiedersehen mit der Familie verbunden sei. "Nach Österreich zu gehen, das war wie eine Reise auf den Mars", erinnert sich Badora.
Längst ist Polen in Europa angekommen und sie zur überzeugten Europäerin geworden. "Trotz all seinen Unvollkommenheiten und Unmöglichkeiten ist es die einzige Lösung", ist die 61-Jährige überzeugt. "Aber die Leute kämpfen zu wenig darum." Trost könne das Theater aber auch keinen spenden. "Aber Utopien aufzeigen, wie Menschen in Krisensituationen handeln." In Graz gehen sie am Freitag auf einen Ball.

















