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Zuletzt aktualisiert: 18.08.2012 um 21:58 UhrKommentare

"Wir bringen nur 40 Prozent hinaus"

Sommergespräche der Kleinen Zeitung: Der Grazer Zeithistoriker Helmut Konrad über universitäre Unterschiede zu den USA, Studiengebühren, Aufnahmeregeln und die Kärntner Seele.

Zeithistoriker Helmut Konrad auf dem Dach des Grazer Uni-Gebäudes: "Wir müssen enger zusammenarbeiten"

Foto © Marija KanizajZeithistoriker Helmut Konrad auf dem Dach des Grazer Uni-Gebäudes: "Wir müssen enger zusammenarbeiten"

So richtig zum Urlauben kommt heuer der Grazer Zeithistoriker Helmut Konrad gar nicht. Fußball-WM und die Olympischen Spiele haben den Dekan der Geisteswissenschaftlichen Fakultät ans Fernsehgerät gefesselt. Jetzt freut er sich auf seine Zeit in Yale (eine US-Elite-Uni in New Haven in der Nähe von New York), wo er Gastvorlesungen halten wird. "Das sind fantastische Zustände dort", schwärmt Konrad und denkt dabei an die streng reglementierten Seminare mit ganz wenigen Hörern, an - für heimische Verhältnisse unglaubliche - Bücherbudgets, an die exzellenten Sportanlagen. "35.000 Dollar kostet ein Studienjahr an der Yale-Universität. Etwa die Hälfte der Studierenden bezahlt das, die andere Hälfte bekommt Stipendien", sagt Konrad.

College-Lehrer in den USA

Vergleichen könne man dies nicht mit Österreich, es sei ein ganz anderes System. "Es gibt ja in den USA auch ganz, ganz schlechte Unis." Er selbst, der aus bescheidenen Kärntner Verhältnissen stammt, hätte es wohl kaum in den USA an die Spitze geschafft: "Das hätte ich mir abschminken können. Vielleicht wäre ich jetzt Lehrer in einem College im Mittleren Westen", lacht Konrad, der in Österreich höchste Uni-Ämter innehatte und beinahe Wissenschaftsminister geworden wäre. "In den Staaten kommt es ja bereits darauf an, dass man nicht in die falsche Volksschule geht. Die Segregation erfolgt viel früher als bei uns." Nur sechs Prozent der Bewerber würden in Yale aufgenommen. Dafür aber werden diese Studenten dann nach allen Regeln der Kunst betreut, 85 Prozent schaffen das Studium daher auch.

Ganz anders als in Österreich, wo es praktisch keine Studiengebühren und in den Massenfächern keine Zugangsregelungen gibt. Das Ergebnis? "Wir bringen ja gerade 40 Prozent mit einem Abschluss hinaus", sagt der Geisteswissenschaftler selbstkritisch. "Wenn ich die Einführungsvorlesung halte, sitzen mir 650 Leute gegenüber. Am Ende des Semesters kenne ich keinen Einzigen."

Zugangsregelungen halte er daher "für nicht ganz falsch", auch bescheidene Gebühren wären für den Sozialdemokraten vorstellbar. "Aber damit wird man die Unis nicht finanzieren können." Er wirft der Wissenschaftspolitik vor, dass es viele Doppelgleisigkeiten gebe - Stichwort Universitäten, Fachhochschulen, Kollegs, Forschungseinrichtungen ("alle beanspruchen alles") - und man interne Schwächen beheben könnte. Eine Gesamtstudierendenzahl von derzeit etwa 250.000 hält Konrad "für eine vernünftige Zahl".

Blick über die Pack

Langfristig müssten die Institutionen enger zusammenarbeiten, um "mit den gleichen Mitteln mehr zu erreichen". So wäre ein Bibliotheksverbund denkbar, etwa mit der Landesbibliothek.

Als gebürtiger Kärntner sieht er besorgt über die Pack und sieht viele Gründe der Misere in der Geschichte des Bundeslandes. "Kärnten hat Modernisierungsschübe viel zögerlicher erlebt als andere Bundesländer. Man hatte dort immer ein Grenzlandgefühl. Es gibt kaum ein gewachsenes Bildungsbürgertum" und die späte Gründung der Uni Klagenfurt sei spürbar.

Viel angerichtet habe die Sozialdemokratie mit ihrem Werben um die Nazis. Das führte zu "Klientelpolitik, und die Haiderpolitik hat die Schrauben nur noch zwei Drehungen weitergedreht", konstatiert der Historiker. Mit dem Nachsatz: "Eigentlich kann es ja nur besser werden."

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