Weltraummissionen: "Es gibt kein Konzept"
Kleine Zeitung-Sommergespräch: Weltraumforscher Wolfgang Baumjohann über die Mars- und eigene Weltraummissionen - und über die Planlosigkeit in der Forschungspolitik.

Foto © MARIJA KANIZAJ Sommergespräch über den Dächern von Graz: Weltraumforscher Wolfgang Baumjohann
Das war wirklich ein ganz großer Erfolg. Die neue Landeart eröffnet jetzt wirklich die Möglichkeit, künftig Proben vom Mars zurückzubringen", freut sich Wolfgang Baumjohann, Chef des großen Weltrauminstitutes in Graz, mit der Nasa.
Der Physiker, der seit gut zehn Jahren in Graz wirkt und zu den produktivsten und international bedeutendsten Wissenschaftlern Österreichs zählt, ist derzeit selbst mit zwei Großprojekten befasst: der Magnetosphärenmission der Nasa (Magnetfeld der Erde) und dem Merkur-Projekt "BepiColombo" der Europäer und Japaner, das 2015 gestartet wird. Hier spielen die Grazer eine Hauptrolle, und auch bei der geplanten europäischen Jupitermission erwartet Baumjohann für sein 90-köpfiges Team den Zuschlag. "Ein Drittel der 90 Mitarbeiter am Weltrauminstitut ist über Projekte angestellt."
Tiefe Einschnitte
Derzeit muss der Forscher oft nach Wien pilgern, um sein Haus abzusichern. Viel an Urlaub ist daher nicht möglich, die Akademie musste Einschnitte hinnehmen, die Neuwahl des Präsidiums steht für 2013 an.
Nicht nur das Sparbudget ärgert den Professor - hoch über den Dächern von Graz: "In Österreich gibt es keinen Masterplan in der Forschung. Es gibt ein Auf und Ab, manchmal wird hier etwas aufgeräumt, dort etwas gegründet."
Zwar würden auch andere Länder sich in der Forschung "durchwursteln", aber in Österreich gebe es überhaupt kein Gesamtkonzept. "Manchmal tut man etwas, dann wieder passiert lange nichts. Auf der einen Seite gibt man dem ISTA (Elite-Uni Gugging, Anmerkung) eine großzügige Finanzierungszusage, auf der anderen Seite hungert man bestehende Forschungsinstitutionen aus." So werden etwa die Akademie-Nachbarn im Grazer Weltrauminstitut, die Biophysiker, aufgelöst oder auf mehrere Unis verteilt.
Baumjohann ist gewohnt, in großen Zeiträumen zu denken, ein ständiges Vor und Zurück ist in seinem Metier nicht möglich. Denn Weltraumprojekte dauern von der ersten Idee bis zum Abschluss unglaublich lange: "25 Jahre sind da gar nichts. Cassini/Huygens, die Saturn- und Titanmission, wurde Mitte der 1980er-Jahre geplant und sie dauert noch bis mindestens 2017." Graz war dabei unter Vorgänger Willibald Riedler federführend dabei.
Der lange Zeithorizont - jene Projekte, die Baumjohann jetzt einfädelt, wird er als aktiver Forscher gar nicht mehr erleben - lässt den begeisterten Wahlösterreicher bzw. -steirer gelassen werden, was das Weltgefüge betrifft. Wirtschafts- und Finanzkrise? Ein möglicher Zerfall der EU? "Ach, wissen Sie, wenn man älter wird, dann hat man schon so viel gesehen, dass man nicht mehr alles ganz so ernst nimmt."
Chinesische Touristen
Dem gebürtigen Deutschen missfällt, dass in der Union viele ihre Hausaufgaben nicht gemacht haben: "Wir müssen das übertriebene soziale System zurückfahren und treffsicherer machen. Skandinavien und Deutschland haben das getan, in Österreich ist das nicht passiert."
Doch für Baumjohann, der ständig mit Chinesen, Amerikanern, Russen und Indern zu tun hat, gibt es zur Union keine Alternative: "Wenn Europa nicht zusammenfindet, wird es untergehen. Wir müssen eine gewisse Größe haben, um bestehen zu können. Von chinesischen Touristen allein werden wir nicht leben können."

















