Grossmann: "Ganztagsschule muss Standard sein"
20 Millionen Euro muss Bildungslandesrätin Elisabeth Grossmann einsparen. Schlecht ausgelastete Heime sollen geschlossen werden. Der Kindergarten gehört nach Grossmann ins allgemeine Bildungswesen integriert.

Foto © Marija KanizajBildungslandesrätin Elisabeth Grossmann
Frau Landesrätin, Sie müssen 20 Millionen Euro beim Doppelbudget 2013/2014 einsparen. Verraten Sie uns, wie?
ELISABETH GROSSMANN: Das ist ein sehr ambitioniertes Ziel. Wir werden uns Einrichtungen wie Schülerheime, die kaum ausgelastet sind, nicht mehr leisten können. Ich habe zwar ein Budget von einer Milliarde, aber davon sind die Lehrergehälter von 800 Millionen Euro ein Durchlaufposten. Wenn ich noch die Kindergartenpädagogen abrechne, bleiben 50 Millionen an frei verfügbarer Masse. Vereinsförderungen wurden bereits gekürzt, den Gratiskindergarten mussten wir abschaffen. Der Besuch ist aber nicht zurückgegangen.
Das hat Sie überrascht?
GROSSMANN: Ja.
Welche Alternativen hätten denn berufstätige Eltern gehabt?
GROSSMANN: Wir haben auch viele Kinder von nicht berufstätigen Eltern, die trotz der Kostenpflicht ihre Kinder weiter in den Kindergarten geben. Ich bin zwar Landespolitikerin, aber ich sage mit aller Entschiedenheit: Der Kindergarten gehört ins allgemeine Bildungswesen integriert.
Dann müssten Kindergärten wie Schulen gratis sein.
GROSSMANN: Als politisches Ziel ist es für mich weiter erstrebenswert. Mit einer Kraftanstrengung von Bund und Land wäre es auch möglich.
Ein Schwachpunkt in der Steiermark ist das geringe Betreuungsangebot für unter Dreijährige, das bei zwölf Prozent liegt. Was sagen Sie zum Vorwurf, dass die Betreuung von Kleinkindern offensichtlich im Prioritätenkatalog weit hinten liegt?
GROSSMANN: Wir hatten da eine ganz niedrige Ausgangsbasis, aber wir hatten allein im letzten Jahr eine Steigerung von drei Prozent in der Versorgung.
In Wien liegt die Versorgungsrate bei 33 Prozent.
GROSSMANN: Es steht bei mir bei den Prioritäten ganz oben, aber es ist heute aufgrund der Budgetvorgaben noch schwieriger. Man muss deshalb auch auf alternative Konzepte setzen, wie auf Tageseltern.
Wie soll überhaupt das Barcelona-Ziel, nach dem für 33 Prozent der unter Dreijährigen eine öffentliche Betreuung vorhanden sein müsste, erreicht werden, wenn Sie 20 Millionen einsparen müssen?
GROSSMANN: Man muss auch die unterschiedlichen Bedürfnislagen sehen. Es gibt Krippen im ländlichen Raum, die nicht voll ausgelastet sind. Wir haben mit Betriebstagesmüttern und Tageseltern bessere Erfahrungen gemacht als mit der Krippe. Da trauen sich auch die Gemeinden leichter drüber, weil bei Krippen die Folgekosten immens sind.
Ein Krippenplatz kostet pro Kind und Monat rund 2000 Euro. Ist es nicht eine Illusion zu glauben, ein Ausbau bis zu einem Versorgungsgrad von 33 Prozent sei finanzierbar?
GROSSMANN: Das schaut schlecht aus. Wir haben deshalb die Ausbildung für Tagesmütter massiv verbessert. Während andere Schmalspurkurse mit 60 Stunden anbieten, haben wir rund 450 Ausbildungsstunden.
Wie erklären Sie es sich, dass an 738 Volksschulen, Hauptschulen und berufsbildenden Schulen erst an 244 Standorten eine Nachmittagsbetreuung angeboten wird? Wer bremst da?
GROSSMANN: Ja, es stehen allein für das nächste Schuljahr noch 1,1 Millionen für Investitionen zur Verfügung. Ich bin überrascht, dass die Mittel von den Schulerhaltern nicht stärker in Anspruch genommen werden. Es wird darauf verwiesen, dass der Bedarf nicht gegeben ist. Wenn ich aber mit Eltern spreche, höre ich, dass der Bedarf gegeben wäre. Eine Nachmittagsbetreuung muss ja bereits ab 15 Schülern angeboten werden.
Was ist Ihre Schlussfolgerung?
GROSSMANN: Es müssen jetzt flächendeckend gezielte Bedarfserhebungen durchgeführt werden. Und zwar mit einer Fragestellung, die den Eltern einen Bedarf am Nachmittag nicht implizit ausredet.
Sie glauben, dass in den Schulen gebremst wird?
GROSSMANN: Ich möchte keine voreiligen Verdächtigungen aussprechen, aber es passt einiges nicht zusammen. Denn bei Umfragen wird die Nachmittagsbetreuung von Eltern als eines der größten Probleme angegeben. Die Nachmittagsbetreuung ist für mich aber nur ein Zwischenschritt. Meine Vision ist eine echte Ganztagsschule bis 16 Uhr. Das müsste in einem modernen Schulsystem Standard sein.
Sie sagen, bei der Schulstruktur sei die Steiermark noch kein Vorreiter. Mit wie vielen Schulschließungen muss man noch rechnen?
GROSSMANN: Das wissen wir am 1. Oktober, wenn wir die aktuellen Schülerzahlen haben und wissen, wie viele Klassen das Kriterium von 20 Schülern nicht erreichen.
Gibt es trotz Sparkurses Pläne, schwächere Kinder stärker zu fördern?
GROSSMANN: Es sollen zu den derzeitigen 40 Lehrern für Förderung rund 60 dazukommen.
Verraten Sie uns noch Ihre bevorzugte Koalitionsvariante?
GROSSMANN: Es muss eine gewollte Zusammenarbeit sein, wie wir das jetzt als Österreich-Premiere in der Steiermark leben. Wenn sich das mit der ÖVP ergibt, ist das eine Optimalvariante. Man muss es wirklich der ÖVP zugutehalten, dass sie Landesinteressen vor Parteiinteressen stellt und sich damit wohltuend von der Bundes-ÖVP abhebt.
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Fakten
Elisabeth Grossmann, geb. am 25. 11. 1968 in Graz. Zwei Söhne.
Karriere: Studium der Rechtswissenschaften in Graz. Von 2002 bis 2009 Abgeordnete der SPÖ im Parlament, seit 22. 9. 2009 Landesrätin für Bildung, Jugend, Familie.
















