Utopia ist ein lahmes Land
Ausgerechnet am Brachland Reininghaus installierte die Compagnie Jo Bithume fürs La Strada-Finale ein Utopia: das klingt vom Konzept her spannender, als es war.
Quelle © lastrada-reininghaus_digi12.jpg | Foto: KLZ Digital La Strada auf Reininghausgründen: Politisch?
Es hätte keinen besseren Ort geben können, um das Thema Zukunft zu verhandeln als diesen: die Reininghausgründe. 54 Hektar charmantes Brachland im Grazer Westen, wo ein Malzsilo neben Wiesen und Pappeln an die Hochzeit des Bierbrauens erinnert. Die Zukunft des Areals: ungewiss. Vor Kurzem haben sich die Grazer in einer Befragung gegen den Kauf der Stadt entschieden. Die Idee des visionären Viertels ist damit der Zerstückelung freigegeben.
Mit "Far West 2037" errichtete die französische Compagnie Jo Bithume, Stammgast bei La Strada, ausgerechnet dort ein utopisches Land. Eine Traumstadt, autonom, autark und abseits vom Krieg. Angesiedelt ist es auf einer einsamen Bohrinsel, die "auf keiner Karte eingezeichnet ist".
Die Bühne ist ein gigantisches Werk: Kräne und Gerüste schrauben sich bis zu 14 Meter in die Höhe und werden von rund 20 Akrobaten, Schauspielern und Musikern bespielt. "Sie dürfen während der Vorstellung auch herumgehen oder unten durchschlüpfen", wird das Publikum vorab motiviert.
Das bringt anfangs wenigstens etwas Bewegung in einen Abend, der viel zu ruhig beginnt. Es tröpfelt, es gluckert, es brummt: die gigantische Sound- und Lichtmaschine wird angeworfen. Ein DJ wirbelt Nebel auf, Bass wubbert aus den Boxen, zwischendurch flackert Blaulicht auf oder wird mit Federn geschossen.
Disziplin Weit-Wippen
Gezählte 900 Menschen sind es, die dem Regentröpfeln Freitagabend trotzen. Sie sind dem Spiel "Warten auf . . ." erlegen. Jo Bithume sind grandiose Meister im Chaosstiften, Pointenzaubern oder Bilderbauen - auch ohne aufwendiges Equipment.
Das haben sie bei La Strada oft genug bewiesen: zum Beispiel 2008 bei der Besetzung der Oper mit Blasinstrumenten oder im Vorjahr bei der Straßendisko unterm Himmelszelt des Freiheitsplatzes, wo die Massen nach ihrer Anleitung tanzten. Genau deswegen aber hätte man sich vor dieser atemberaubenden Kulisse und vor dem Publikums-Ozean mehr erwartet.
An Möglichkeiten mangelte es nicht. Die Verzauberungskraft des neuen Zirkus auf seine Zuseher blitzte mehrmals auf: als ein Kran kurzerhand zur Wippe umfunktioniert wurde und im Kreis wirbelte, als eine Artistin sich am weißen Tuch hinauf- und hinunterturnte oder Eindringlinge auf kreativen Gefährten wie einem ausrangierten Flugzeugflügel einreisten.
Warum aber die Schaukel nicht geschaukelt und auf dem mächtigen Gerüst nur kurz mit Ketten oder Schlagstöcken musiziert wurde, verwunderte. Schade. In Utopia wäre mehr drinnen gewesen. Gerade auf dem Brachland Reininghaus. Braver Beifall.
Beackerung geglückt
Dabei ist dem Festival La Strada in seiner 15. Auflage letzte Woche die Beackerung des Brachlandes andernorts wunderbar geglückt: das Windorchester "Harmonic Fields" auf dem Ostgipfel des Schöckls (heute noch von 11 bis 18 Uhr) zu hören, mauserte sich zum Publikumshit. Das ehemalige Taggerfutterwerk zeigte, welches Potenzial als Kultur- und Eventareal in ihm steckt und andere Performances führten Zuseher in unbekanntes Land: auf Gehsteige in Graz-Gries etwa.














