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Zuletzt aktualisiert: 28.07.2012 um 21:27 UhrKommentare

"Man kriegt ungünstigen Eindruck von Ihrer Stadt!"

Von der Punk-Ikone zur Glaubensverkünderin. Seit sie zu Gott gefunden hat, ist Nina Hagen, einst Enfant terrible des deutschen Rock, eine Frau mit einer Mission. Werbung für ein Bordell in Graz fiel ihr negativ auf.

Foto © APA/Pfarrhofer

Sie singen neuerdings einen alten Bluessong in eigener Übersetzung: "Alle wollen immer in den Himmel, aber keiner hat Bock auf Tod." Stimmt das auch für Sie?

NINA HAGEN: Exactly. Der Tod ist furchtbar. Aber: Wir brauchen ihn nicht zu fürchten, weil wir werden verwandelt werden. Das ist das Grundthema der Frohen Botschaft.

Kommen Sie in den Himmel?

HAGEN: Ich hoffe, wir kommen alle in das ewige Heimatland der Seelen. Und ja, wir schaffen das auch. Es gibt einen liebenden Schöpfer, der würde nicht zulassen, dass jemand in die Folterkammer muss.

Keiner kommt in die Hölle?

HAGEN: Die große Liebe Gottes wird das Böse zerschmelzen. Ich habe keine Angst, bestraft zu werden. Aber ich bemühe mich auch darum, niemandem meine Liebe schuldig zu bleiben. Auch darum, niemandem meine Hilfe schuldig zu bleiben. Ich bin ja jetzt Schirmfrau von PatVerfü in Deutschland. Das ist eine Patientenverfügung gegen die Zwangseinweisung in die Psychiatrie. Viel zu schnell werden Leute per Richterbeschluss in geschlossene Anstalten abgeschoben, fixiert, mit Medikamenten vollgepumpt.

Es heißt doch, gerade psychisch Erkrankte hätten wenig Einsicht in das eigene Leiden.

HAGEN: Aber das sind doch Menschen! Psychiatrie muss immer freiwillig sein! Zwangspsychiatrie in einer Demokratie, in der freien Welt, das wollen wir abschaffen.

Wie kommen Ihre Glaubensthemen bei Ihrem Publikum an? Religiöse Erörterungen sind in der Rockmusik ja kaum populär.

HAGEN: Die Menschen hatten jetzt 57 Jahre Zeit, sich an Nina Hagen und ihre Liederabende zu gewöhnen, die wissen, was auf sie zukommt: ein antifaschistischer Geist, die Tochter eines Holocaustüberlebenden.

Daddys Girl. Das von meinem leiblichen Daddy auf Erden, und das von meinem himmlischen Daddy da oben.

Insgesamt waren Sie schon viele Leute: wildes Rock-Chick, Ashramjüngerin, Ufo-Theoretikerin, Feministin, Punk-Ikone.

HAGEN: Ikone, nein! Ich bin einfach vom fahrenden Volk. Und das Evangelium verkünde ich ja nicht erst seit meiner Taufe 2009. Ich habe mich immer zum Christentum bekannt. Hören Sie meine alten Platten, ich bin ein Bekehrer. 1980, das Lied der Lorelei: "Als Fisch bin ich doch sehr sensibel, manchmal heul ich wie 'ne Zwiebel, ja, dann greif ich schnell zu meiner Bibel und suche Mut bei Furcht, Schutz bei Gefahr."

Sie haben damit Ihr Publikum an den Glauben gewöhnt?

HAGEN: Ja. An Gut und Böse, Krieg und Frieden. Ich habe schon als Zwölfjährige Dostojewski gelesen: "Die Erniedrigten und die Beleidigten". Das hat mich geprägt - als schreibender Künstler. Und Sie sagen Rock-Chick zu mir. Das bin ich nicht. Ich bin ein deutscher Dichter und Denker. Ich habe zwar weibliche Ausbuchtungen und Einbuchtungen, aber bei Jesus spielt das keine Rolle, ob ich männlich oder weiblich bin. Und im Herzen bin ich sowieso sächlich.

Wieso das denn?

HAGEN: Als Kind Gottes. Da sind wir: Es. Wir sind geliebte Kinder Gottes, auch wenn wir noch so erwachsen tun. Und man soll sich dieses Kind bewahren und nicht kaputt trampeln lassen. Weil es steht doch geschrieben: Wenn ihr nicht wie die kleinen Kinder seid, dann kommt ihr nicht ins Himmelreich. Nicht vergessen, ja?

Sie haben Ihrer Drogenvergangenheit abgeschworen, aber Sie rauchen noch. Unmöglich, damit aufzuhören?

HAGEN: Es fällt mir immer leichter, etwas Doofes, Süchtigmachendes abzugeben, wenn ich es jemandem zuliebe mache. Ich möchte jetzt aufhören, dem lieben Gott zuliebe. Eine schwere Übung. Aber er ist ja so geduldig! Und es geht.

Richtige Beobachtung, dass Sie immer versuchen, die Dinge positiv zu sehen?

HAGEN: Ja, klar. Aber als ich heute hier ankam, sind wir an einem Bordell vorbeigefahren und an der Wand stand die Internetadresse: fickirgendwasdotcom. Das ist doch Erregung öffentlichen Ärgernisses! Das müssen die abmachen! Da laufen Kinder zur Schule! Sagen Sie das Ihrem Bürgermeister! Man kriegt einen ungünstigen Eindruck von Ihrer Stadt, das ist traurig! Was die Erwachsenen hinter geschlossenen Türen machen, sollen sie machen, solange es legal ist. Aber sie sollen es nicht auf die Straße bringen! Ich mag das nicht, wenn Kinder mit erwachsener Sexualität konfrontiert werden.

Ihre Strenge überrascht.

HAGEN: Ich weiß, es gab da in Österreich die Diskussion über meinen Beitrag im "Club 2" damals. Aber im Grunde war das rein wissenschaftlich. Ich hab mich auch tausendmal entschuldigt, falls ich damals jemanden beleidigt habe.

Ihr legendärer "Club 2"-Auftritt als Fürsprecherin der weiblichen Masturbation war 1979, das ist inzwischen Geschichte.

HAGEN: Aber wissen Sie was: Alle Hebammen haben mir damals zu der Aktion gratuliert. Die sagten: Das ist wichtig, dass man mit der Wahrheit nicht hinterm Berg hält. Es gibt den klitoralen Orgasmus - und hello! Let's say it! Die Hebammen dieser Welt und ich, wir sind in unseren Ritterrüstungen losmarschiert, um zu sagen: Die Wahrheit wird euch frei machen! Weil: Wenn eine Frau ihren Körper gut kennt, hat sie es bei der Geburt einfacher. Sie verkrampft sich nicht so, da kann der harte Arbeitsgang, ein Baby auf die Welt zu befördern, besser voranschreiten.

Sie waren eine der Ersten, die die weibliche Sexualität zum öffentlichen Thema gemacht haben. Heute verkünden Sie, dass Sie seit Jahren zölibatär leben. Wie geht das denn zusammen mit Sex, Drugs & Rock 'n' Roll?

HAGEN: Es gibt doch christliche Rockmusik! Und Gospel! Und denken Sie an die "Singende Nonne" in den Sechzigern! Jedenfalls ist der Zölibat ganz natürlich für mich. Nicht aufgezwungen. Das gehört heute zu meinem Leben, und ich freu mich sehr darüber. Ich bin ja eine alte Witwe, meine ganz große Liebe ist schon lange gestorben. Danach hab ich immer weitergesucht nach der Liebe.

Heute nicht mehr?

HAGEN: Nein. Die Liebe sehe ich ja überall. In den Menschenkindern, denen ich helfen darf. In den Menschenkindern, die mir helfen, mich inspirieren.

Es gab auch unfreundliche Kommentare zu Ihrer Gläubigkeit, Motto: Nina Hagen braucht ein neues Thema, treibt sie halt die nächste Sau durchs Dorf.

HAGEN: Aber schauen Sie doch: Was macht Gott mit einem Menschen? Wenn ein Mensch sich zu Gott bekennt, dann verändert er sich auch.

Gab's ein Erweckungserlebnis?

HAGEN: Viele. Immer wieder.

Haben Sie manchmal keine Lust, Nina Hagen zu sein?

HAGEN: Nein, ich bin wahnsinnig dankbar für mein Leben. Ich bin auch aus lauter Hoffnung und Lebensliebe entstanden. Mein Vater war ein Folteropfer der Nazis, auch meine Mutter hatte eine furchtbare Kindheit. Ich bin das Kind zweier Menschen, die den Krieg überlebt haben. Mich musste es geben. Ohne mich ging es nicht. Ich danke Gott, dass es mich gibt. Und ich finde Ihre Frage sehr merkwürdig.

Das war auf Ihre exaltierte Bühnenpersönlichkeit bezogen.

HAGEN: Ich weiß. Aber die gehört nun mal (singt) dazuhuhu!

Auf Ihrer Österreich-Tour traten Sie auf der Bühne wie gewohnt gegen Faschismus und Atomwaffen ein. Aber auch sehr vehement dafür, Natascha Kampusch in Frieden zu lassen.

HAGEN: Ich verstehe nicht, warum so viele Österreicher ihr gegenüber so gehässig sind. Unsere Natascha hat in der Kindheit schreckliche Folter durchmachen müssen. Und da verhalten sich die Menschen so intrigant! Die sollen bloß aufpassen, dass sie sich nicht versündigen. Dass sie kein Herz aus Stein bekommen. Denn ein Herz aus Stein ist zu schwer, um eines Tages in den Himmel schweben zu können.

Gibt es ein Leben ohne Musik?

HAGEN: Musik gehört immer zum Leben. Auf Erden und im Himmel auch.

Sie singen dann im Engelschor?

HAGEN (lacht): Nein, ich singe im All-Saints-Chor mit den Heiligen.

INTERVIEW: UTE BAUMHACKL

Fakten

Catharina "Nina" Hagen, geb. 11. März 1955/Berlin. In der DDR als Tochter eines Dissidenten an der Schauspielschule abgelehnt. Gesangsausbildung, Schlagerkarriere in der DDR. 1976 Emigration in den Westen.

1977 gründete sie die Nina Hagen Band. Karriere als deutsche "Godmother of Punk". Zahlreiche Soloalben und Kooperationen mit Musikern von Frank Zander bis Apocalyptica. 2010 erschienen ihre Autobiografie "Bekenntnisse" (Knaur) und das Album "Personal Jesus" mit religiösen Rocksongs. Ihr aktuelles Album "Volksbeat" (2011) ist auf Deutsch eingesungen. Hagen hat zwei erwachsene Kinder, Cosma-Shiva und Otis. Sie lebt in Berlin.

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