Beschneidung: "Verbot ist wie Vernichtung der Juden"
Der Streit um die religiöse Beschneidung eskaliert. Er beschäftigt Religionsführer, Ärzte, Politiker und Juristen. Beschneidung sei, wie das Verbot von Schweinefleisch, ein wichtige Regel im Judentum, so der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde.

Foto © APA Drastische Worte findet Ariel Muzicant
Angefangen hat es mit einem Vierjährigen in Deutschland, der nach seiner Beschneidung mit Nachblutungen in die Notaufnahme kam. In Folge urteilte das Landgericht Köln: Religiös motivierte Beschneidungen seien eine strafbare Körperverletzung. Die Debatte, die dann entbrannte, hat ganz Europa erfasst. Kritiker fordern ein Verbot, andere sehen darin einen Angriff auf die Religionsfreiheit. Auch in Österreich eskaliert der Streit. Während Kärntens Landeshauptmann Gerhard Dörfler (FPK) gar von "Genitalverstümmelung" spricht, fürchten Ärzte um ihre Rechtssicherheit.
Ariel Muzicant, Ehrenpräsident der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, findet drastische Worte. Das Verbot der Beschneidung "wäre dem Versuch einer neuerlichen Shoah, einer Vernichtung des jüdischen Volkes, gleichzusetzen - nur diesmal mit geistigen Mitteln", sagt er. Fuat Sanac, der Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft, findet die Diskussion "ehrlich gesagt scheinheilig", wenn nicht gar "gefährlich". Sanac und der aktuelle Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde, Oskar Deutsch, sehen die rechtliche Lage in Österreich als geklärt und Beschneidungen als gesichert an.
Hintergrund: Beschneidung gehört zur religiösen Praxis
Die biblische Anweisung an Abraham, Stammvater des Volkes Israel, ist eindeutig: "Das ist mein Bund zwischen mir und euch: Alles, was männlich ist, muss beschnitten werden." Jeder Unbeschnittene solle aus dem Stammesverband "ausgemerzt" werden. Bis heute beziehen sich Juden darauf, wenn sie die Vorhaut ihrer männlichen Nachkommen entfernen. Für Ariel Muzicant von der Israelitischen Kultusgemeinde ist Beschneidung wie das Verbot von Schweinefleisch ein wichtige Regel. Auch nicht strenggläubige Juden würden ihre Kinder als Zeichen der Zugehörigkeit zum jüdischen Volk beschneiden lassen.
Im Islam ist Beschneidung ebenfalls religiöse Praxis. Zwar ist sie nicht im Koran zu finden, sehr wohl aber in der Sunna, der Lebensgeschichte des Propheten Mohammed, die für gläubige Muslime richtungsweisend ist. Bei Muslimen werden Buben bis zur Pubertät beschnitten. Die meisten Eingriffe auf der Grazer Kinderchirurgie werden bei Buben mit drei bis vier Jahren gemacht, Neugeborene werden nicht beschnitten. Für die Religionen in die Bresche sprang gestern der UN-Sonderberichterstatter für Religionsfreiheit Heiner Bielefeldt: Kritik und Reformaufrufe an Religionen seien legitim, "aber im herrischen Ton mit dem Strafrecht zu drohen, ist kein geeignetes Mittel." Es sei vielmehr Ausdruck von Respektlosigkeit.
In der Steiermark gibt es dennoch erste Konsequenzen: In der Kinderchirurgie des LKH Graz werden vorerst keine neuen Beschneidungstermine angenommen. "Da wir eine Rechtsunsicherheit sehen, haben wir Juristen mit der Klärung beauftragt", bestätigt Reinhard Marczik von der Kages. Im LKH Leoben, das ebenfalls eine Kinderchirurgie hat, würden seit rund fünf Jahren keine rituellen Beschneidungen mehr durchgeführt.
Medizinisch erforderliche Eingriffe, etwa bei einer Vorhautverengung, sind laut Kages von der Diskussion nicht betroffen. Es gehe aktuell um Wunschoperationen aus rituellen Gründen. Von Letzteren gebe es in Graz jährlich 80 bis 90. Grundsätzlich könne jeder Arzt der Kinderchirurgie den Eingriff vornehmen.
Bei den Elisabethinen in Graz werden derzeit überhaupt keine Beschneidungen durchgeführt.
Im Justizministerium betont man die Straffreiheit. Laut Ärztekammer ist es die Gewissensentscheidung jedes Arztes, ob er eine medizinisch nicht erforderliche Beschneidung vornimmt. Es sei ein "kleiner Eingriff", stelle aber wie jeder invasive Eingriff "eine Körperverletzung" dar.
In den Bundesländern gibt es unterschiedliche Zugänge. In Niederösterreich, Tirol, Salzburg, Oberösterreich und dem Burgenland werden Beschneidungen in Landesspitälern fast nur aus medizinischen Gründen durchgeführt. In städtischen Spitälern Wiens gibt es pro Jahr rund 15 Beschneidungen. Vorarlbergs Landeshauptmann Markus Wallner (ÖVP) rät Ärzten, wegen rechtlicher Unklarheiten von Beschneidungen aus religiösen Gründen vorerst abzusehen.
















