Gerald Schöpfer: Der Professor, der sich in die Politik wagte
Wirtschaftshistoriker Gerald Schöpfer (68) beendet seine aktive Uni-Laufbahn - fast. Der gebürtige Grazer war und ist ein Brückenbauer zwischen Wissenschaft, Gesellschaft und Politik.

Foto © SABINE HOFFMANN Der Grazer Wissenschaftshistoriker und frühere Landesrat Gerald Schöpfer hat auch im Ruhestand noch viel vor
Zehntausend Schritte pro Tag, das ist der Maßstab. Der kleine elektronische Schrittzähler hängt immer an Gerald Schöpfers Gürtel. "Ich versuche, die zehntausend täglich zu erreichen", erzählt der passionierte Fußgänger, Ex-Politiker und soeben emeritierte Vorstand des Instituts für Wirtschafts-, Sozial- und Unternehmensgeschichte an der Karl-Franzens-Universität Graz. Diese Angewohnheit wird ihn auch im Ruhestand begleiten.
Wobei, ruhig wird es Schöpfer nicht angehen. "Mir wird nicht fad", sagt er und lacht. Dem Universitätsleben bleibt er als Lehrender bei einigen Vorlesungen erhalten, bis 2015 sitzt er im Europarat, er wird weiter als Beiratsvorsitzender des "Joanneum Research" tätig sein und, was ihm besonders am Herzen liegt, dem Roten Kreuz als Präsident der Landesgruppe Steiermark die Treue halten.
Den gebürtigen Grazer, der aus einer Juristenfamilie stammt, hätte es fast in die Kabarettistenwelt verschlagen. Als Jus-Student begründete er das Studentenkabarett "Der Hammer". "Wir traten in ganz Österreich auf und waren recht erfolgreich", erzählt Schöpfer. Doch als die Familiengründungspläne mit seiner Frau Christa ernst wurden, konzentrierte er sich auf seine Uni-Karriere. 1977 wurde er Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Unter anderem gründete er das in Österreich einzigartige Oral-History-Archiv, eine Sammlung von Zeitzeugen-Interviews.
Auf die Regierungsbank
Schon seit den 1970er-Jahren war Schöpfer nebenbei für die ÖVP tätig, doch die Ernennung zum Wirtschaftslandesrat 2004 durch Waltraud Klasnic war eine große Überraschung und brachte ihn schlagartig an die Öffentlichkeit. Von 2005 bis 2010 saß er im Landtag. "Es ist wichtig, die Politik nicht den Politikern alleine zu überlassen", sagt er. Seine Erfahrung: "Man wird für Dinge gescholten, für die man nichts kann, und für Dinge gelobt, mit denen man nichts zu tun hatte", schmunzelt er. Dennoch sei es das Risiko wert gewesen. Seine skurrilste Anekdote aus dieser Zeit: "Zwei Mal wurde ich von älteren Damen um ein Autogramm gebeten - sie hatten mich mit Harald Juhnke verwechselt", erzählt er.
In ruhigere Gewässer
Sorge hat Schöpfer um den politischen Nachwuchs. "Für Freiberufler ist die Politik im Grunde keine Option." Man müsse alles aufgeben und stehe dann unter Umständen plötzlich mit Nichts auf der Straße.
Große Hochachtung hat er vor der ehrenamtlichen Arbeit in "seinem" Roten Kreuz, dem er seit 2009 als Präsident vorsteht. Er übernahm die Organisation in turbulenten Zeiten und führte sie in ruhigere Gewässer.
Schöpfer - ein begeisterter Opern- und Theaterbesucher - will sich auch weiterhin viel Zeit für seine Frau, mit der er seit 46 Jahren verheiratet ist, und seine Familie nehmen. "Einmal im Jahr fahren wir mit allen sechs Enkeln nach Caorle", erzählt der zweifache Vater.
Features
Fakten
Gerald Schöpfer wurde am 16. Jänner 1944 in Graz geboren. Studium der Rechts- und Staatswissenschaften. Berufung zum Professor 1977. Dreifacher Dekan der Sozialwissenschaftlichen Fakultät.
2004 Wahl zum Wirtschaftslandesrat (bis 2005). 2005-2010 Landtagsabgeordneter. Seit 2009 Präsident des Roten Kreuzes Steiermark.
Sonstiges: Chefredakteur der Kulturzeitschrift "steirische berichte", Vertreter Österreichs im Europarat, Leiter von drei Landesausstellungen (1989, 1993, 1996). Lehrbeauftragter an der TU.
















