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Zuletzt aktualisiert: 31.05.2012 um 20:30 UhrKommentare

"Kritische Kunst muss Vorschläge machen"

Michelangelo Pistoletto, demnächst 89, zeigt sein Frühwerk. Ein Gespräch über Paradiese, Optimismus und warum es nicht reicht, nur "Nein" zu sagen.

Wachsamer Blick: Michelangelo Pistoletto ist ein genauer Beobachter des Weltgeschehens

Foto © APWachsamer Blick: Michelangelo Pistoletto ist ein genauer Beobachter des Weltgeschehens

H err Pistoletto, in Graz ist nun Ihr Frühwerk zu sehen, im "sterischen herbst" mit "Projekt Cittadellarte" das, was Sie aktuell beschäftigt. Gibt es Zusammenhänge?

MICHELANGELO PISTOLETTO: Natürlich. Mir war es immer wichtig, dass Kunst mit dem Leben verknüpft ist und Vorschläge macht, wie ein anderes, besseres Leben gelingen kann. Kunst muss sich engagieren, Kritik allein ist nicht genug.

Sie haben aber niemals vordergründig Politkunst gemacht?

PISTOLETTO: Mir geht es um Ideen. Ideen können etwas verändern. Kunst kann etwas verändern. Diese Hoffnung hatte und habe ich. Solipsistische Kunst, die nicht kommuniziert, ist meine Sache nicht.

Sie machen ja auch einen Vorschlag für den kommenden 21. Dezember, an dem bekanntlich die Welt untergeht?

PISTOLETTO: Ja. Ich schlage einen "Giorno della rinascita", einen "Wiedergeburtstag", vor. Ihn sollten Menschen weltweit feiern. Ganz wie sie wollen.

Das hat auch mit Ihrer Idee vom Dritten Paradies zu tun?

PISTOLETTO: Genau. Ich bin Optimist - das muss ein Künstler wohl sein - und davon überzeugt, dass ein Paradies auf Erden möglich ist. Der ganze Planet sollte als geschützter Garten betrachtet werden. "Geschützter Garten" ist die ursprüngliche Bedeutung des persischen Wortes.

Und das kann Kunst bewirken?

PISTOLETTO: Nicht nur! Die Politik ist gefordert, die Wirtschaft. Aber nur Politik und Wirtschaft schaffen das nicht. Das ist das Hauptproblem der EU, wie man ganz deutlich sehen kann.

Sie sind EU-Gegner?

PISTOLETTO: Nein! Die EU ist eine großartige Idee. Aber sie sollte sich mehr ihrer Kultur besinnen, ihrer Kulturen. Europa ist nicht nur Geld und Europa ist nicht nur christlich. Das Faktum der Differenz ist ein enormer Wert, eine große Bereicherung. Eine Initiative von Cittadellarte nennt sich deshalb auch "Love Difference".

Literaturnobelpreisträger Günter Grass hat unlängst ein Gedicht veröffentlicht, in dem er in Bezug auf Griechenland ähnlich argumentiert, ebenfalls die Bedeutung der Kultur hervorhebt.

PISTOLETTO: Poeten und Künstler sehen natürlich die Notwendigkeit und den Stellenwert der Kultur anders. Materieller Wohlstand ist wichtig, aber er braucht Menschlichkeit und spirituellen Reichtum.

Sie sind bekannt dafür, dass Sie immer versuchten, dem Kunstbetrieb und dem Kunstmarkt zu entkommen. Es gibt die berühmte Geschichte, dass Sie zum legendären New Yorker Galeristen Leo Castelli "Nein" sagten, als der Sie vermarkten wollte.

PISTOLETTO: Ich habe "Nein" gesagt. Ich habe Kunst in den 1950er- und 1960er-Jahren als Befreiung erlebt, warum hätte ich mich wieder versklaven lassen sollen? Ich wollte nie zu einer Trademark werden, nie zum Zeugen des "american way of life", eines ausschließlich auf Konsum ausgerichteten Lebens.

Aber Sie wurden dennoch einer der erfolgreichsten Künstler des 20. Jahrhunderts.

PISTOLETTO: Meine Trademark ist, keine Trademark zu haben. Aber ich wiederhole: es ist nicht genug, "Nein" zu sagen. Das ist das Problem vieler Rebellionen, auch jener, die wir derzeit erleben. Es fehlt ihnen oft an neuen Inhalten.

INTERVIEW: WALTER TITZ


Zur Person

Michelangelo Pistoletto, geboren am 23. Juni 1933 in Biella, Italien; einer der Hauptver- treter der Arte Povera.

Fünf Mal Teilnahme an der documenta in Kassel.

1998 Gründung Cittadellarte.

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