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    Zuletzt aktualisiert: 05.05.2012 um 22:56 UhrKommentare

    "Aus-Schluss-Basta" mit Stermann & Grissemann

    Kreatives Chaos im Schauspielhaus Graz. Stermann & Grissemann werken unter der Regie von Fritz Ostermayer an einem Theater-Endspiel. Wir trafen das Trio zu einem ernsten Gespräch.

    "Deppert-Lachen alleine wäre zu wenig": Das Trio Christoph Grissemann, Fritz Ostermayer und Dirk Stermann

    Foto © MARIJA KANIZAJ"Deppert-Lachen alleine wäre zu wenig": Das Trio Christoph Grissemann, Fritz Ostermayer und Dirk Stermann

    Herr Stermann, in Ihrem Buch "Eier" beschreiben Sie Horrorzustände in Theatergarderoben: desolate Duschen, verschimmeltes Essen, Trinkmilch aus der Ära von Oskar Werner und ähnliche Qualen. Fühlt ihr euch hier im Grazer Schauspielhaus halbwegs überlebensfähig?

    DIRK STERMANN: Naja, wir bekommen tatsächlich nichts zu trinken und zu essen. Bei den ersten Proben gab es nicht einmal Wasser. Wir haben Künstlerwohnungen mit mikroskopisch kleinen Polstern, auf denen nur Teile eines Ohres Platz finden.

    Also seid ihr, passend zum geplanten Stück, schon jetzt fast "total am Ende"?

    FRITZ OSTERMAYER: Wir sind echt am Ende.

    STERMANN: Alle sind, ganz ehrlich, angeschlagen. Es ist viel anstrengender als von allen erwartet.

    Hat jemand von euch überhaupt Sprechtheatererfahrung?

    CHRISTOPH GRISSEMANN: Nein. Keiner. Wir sind völlige No-Names, was das Sprechtheater angeht. Abseits vom realen Wasser und Brot fühle ich mich extrem überfordert. Die Kombination von zwei TV-Fuzzis mit fünf Ensemblemitgliedern plus einem seltsamen Regisseur, das ist eine Mischung, die sehr reizvoll ist, aber wir haben nur noch eine Woche Zeit und wissen nicht genau, was da herauskommt.

    Geplant sind in "Aus-Schluss-Basta" sieben Schluss-Szenen aus großen Bühnenwerken, von Goethe über Shakespeare bis Werner Schwab. Wie exakt werdet ihr euch an die Originaltexte halten?

    OSTERMAYER: Ich habe als Regisseur nix dagegen, wenn ein Hänger passiert. Aber der Text sollte nicht als Freestyle-Improvisation weitergeführt werden. Brüche oder Zusammenbrüche stören mich überhaupt nicht, im Kopf sind sie sogar gewollt. Auch dadurch entsteht vielleicht sogar eine gewisse Art von Mitleid, die ich auf ihre Weise auch schön finde. Die beiden bemühen sich redlich, man merkt die Arbeit.

    STERMANN: Nur bei Shakespeare, also bei "Richard III.", wird ein bisserl drauf geschissen, weil ja auch die Übersetzung wirklich albern ist.

    OSTERMAYER: Wer das Stück nicht kennt, sieht nur zwei Komödianten beim Versuch, lächerliches, ausgestorbenes Pathos-Theater nachzustellen.

    STERMANN: Abgesehen davon ist es aber sehr präzise und das ist auch reizvoll für uns.

    Müsst ihr völlig frei sprechen oder dürft ihr die Texte zumindest teilweise auch ablesen.

    GRISSEMANN: Das dürfen wir leider nicht.

    OSTERMAYER: Der Souffleuse habe ich sogar eine eigene Rolle geschrieben.

    STERMANN: Die ist aber auch sehr streng, sie besteht auf Textgenauigkeit. Bei Schwab und Bernhard lässt sie es nicht zu, dass man etwas verändert.

    OSTERMAYER: Ist auch richtig so, bei so großen Sprachkünstlern.

    GRISSEMANN: Ach, das finde ich auch Scheiße. Wieso soll man Thomas Bernhard nicht verändern dürfen, Entschuldigung! Warum dieser Kniefall?

    OSTERMAYER: Die schreien eher nach musikalischer Vertonung als irgendwelche Scheißkerle.

    Um wieder für etwas Ordnung zu sorgen, die Frage an den Regisseur: Wie streng ist das Konzept?

    OSTERMAYER: Ich habe kein strenges, aber ein atmosphärisch genaues Konzept. Ich liebe klägliches Theater. Ich liebe Armut, ich liebe auch Peinlichkeit - wenn es eine berührende, nicht eine dämliche Peinlichkeit ist. Und wenn du mit so einer Idee an ein großes Haus kommst, wirst du erst einmal angeschaut wie ein Vollidiot: Du willst die Räume nicht bespielen, sondern lieber irgendwo kauern. Am liebsten habe ich ja das Mäusetheater.

    Was ist darunter zu verstehen?

    OSTERMAYER: Die Bühne ist leer, aber ich weiß, irgendwo spielt eine Mäuseband ganz leise und unhörbar Dixieland. Das würde mir gefallen, aber das geht natürlich nicht.

    Naja, das klingt trotzdem alles ein wenig nach kreativem Chaos, Wie reagieren denn die Profis aus dem Haus darauf?

    OSTERMAYER: Die Schauspieler hassen mich vom zweiten Tag an, als ich angefangen habe, mich und meine Ideen zu erklären. Das haben sie nicht verstanden. Sie verstehen mich noch immer nicht ganz. Jetzt kann ich zumindest das Wort "Kaurismäki" sagen, und ein paar wissen es: Er meint Low, lower, lowest - ganz ten also. Aber ich verstehe sie in ihrem Können, ich verstehe, dass sie das nicht verheimlichen wollen, und ich leide halt an dieser Diskrepanz. Schauen wir, vielleicht entsteht doch noch dieses produktive Missverständnis.

    Was wäre das dann?

    OSTERMAYER: Die Grundidee ist und bleibt, einerseits berührende, andererseits groteske, fast peinliche Schluss-Szenen zu spielen, die plötzlich ganz andere Schattierungen kriegen. Eigentlich geht es mir nur ums Berühren. Und ums Deppert-Lachen an scheinbar falschen Stellen.

    Das Finale wird wohl Becketts "Endspiel" liefern. Es geht also auch immer wieder auch um das schon vorhandene Tragikomische?

    OSTERMAYER: Hoffentlich ja. Nur deppert lachen ist zu wenig.

    STERMANN: Es wird ja auch nicht viel gelacht, ich wüsste gar nicht, warum. Es ist ein ernsthafter, bunter Abend.

    Auch die Musiker Oliver Welter von Naked Lunch und Anja Plaschg alias Soap&Skin treten auf, welche Rolle sielt die Musik?

    OSTERMAYER: Die Rolle des lieben kleinen behinderten Kindes, das rühren soll. Für Oliver Welter habe ich Songs geschrieben, die er mit Naked Lunch nie spielen würde, weil sie zu kitschig sind. Und Anja Plaschg wird zum Schluss ein Lied interpretieren. Wer dann nicht weint, ist ein kaltes Schwein.

    GRISSEMANN: Das Problem ist nur, dass dann keiner mehr in den Zuschauerrängen sitzen wird und in den Genuss des Liedes kommt.

    OSTERMAYER: Dann weine ich.

    Also, zur Finalrunde: Mit welchen Erwartungen sollte das Publikum tatsächlich in "Aus-Schluss-Basta" gehen?

    GRISSEMANN: Mit der Erwartung, die Künstler Stermann und Grissemann zwei Mal im Theater gesehen zu haben: das erste und letzte Mal.

    STERMANN: Mich werden sie noch oft sehen wollen! Nein, ich glaube, es ist letztendlich ein Spiel mit dieser Erwartung, das auch okay ist für mich.

    OSTERMAYER: Sie sind beide Part of the Game, das Game wird nicht um sie herum inszeniert.

    STERMANN: Das war es auch, was die anderen Schauspieler zuerst erwartet haben: Staffage für die zwei Typen aus Wien zu sein. Dem ist nicht so: Wir sind ein Teil des Ensembles. Der schlechteste halt.

    INTERVIEW: WERNER KRAUSE, NINA MÜLLER

    Fakten

    FRITZ OSTERMAYER,

    geboren 1956 in Schattendorf (Bgld.), Autor, DJ, Musiker, Alltags-Tiefenforscher und FM4- Urgestein. Besitzer einer der weltgrößten Privatsammlungen an Trauermärschen und höchst engagierter Kämpfer für die Rechte und die Akzeptanz sozialer Randgruppen.

    CHRISTOPH GRISSEMANN, geboren 1966 in Innsbruck, Kabarettist, Moderator und Autor. Spielt gemeinsam mit Dirk Stermann seit mehr als 20 Jahren in einer eigenen Zyniker-Liga.

    Lesetipp: "Speichelfäden in der Buttermilch" (Tropen)

    DIRK STERMANN, geboren 1965 in Duisburg, Moderator, Kabarettist und Autor. Spielt gemeinsam mit Christoph Grissemann seit mehr als 20 Jahren in einer eigenen Zyniker-Liga.

    Lesetipp: "Eier" (Czernin-Verlag)

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