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Zuletzt aktualisiert: 12.04.2012 um 20:30 UhrKommentare

Basislager 2 auf dem Weg zum Everest

Sein Terminkalender ist bummvoll. Aber die beiden Termine am Montag und Dienstag in Graz ließ sich Sascha Goetzel, Leiter des Borusan Istanbul Philharmonic Orchestra, nicht nehmen.

H ier in Istanbul, wo wir Sie besuchen, sind Sie seit 2008 Chef des Borusan Istanbul Philharmonic Orchestra, daneben leiten sie auch noch das Kuopi Symphonieorchester in Finnland, touren heuer emsig durch Frankreich, fliegen mit der Volksoper im Mai nach Japan. Da war Ihnen Graz wohl ein Herzensanliegen?

SASCHA GOETZEL: Sie sagen es. Mein erster gemeinsamer Auftritt mit recreation, dem Großen Orchester Graz, war vor eineinhalb Jahren, und ich habe sofort gemerkt, welch feines Ensemble das ist. Mit sehr viel Spielkultur und Spielfreude. Es gab den Wunsch, die Kooperation fortzusetzen. Sie ist auch für die nächsten beiden Saisonen gesichert.

Ihre derzeitige große Aufgabe ist Istanbul. Dort hat Ihnen der Millionär Ahmet Kocabiyik, der sich den Luxus eines eigenen Orchesters leistet, eine "einfache" Aufgabe gestellt: Sie sollen dieses Orchester zu einem der 20 besten der Welt machen. Wie weit sind Sie?

GOETZEL: Bei der Bezwingung des Mount Everest sind wir im zweiten Basislager angekommen. Erste Stufe war unsere Debüt-CD mit Werken von Hindemith, Respighi und des fast vergessenen Franzosen Florent Schmitt sowie der Auftritt bei der Eröffnung der Salzburger Festspiele 2010. Weil damals Istanbul europäische Kulturhauptstadt wurde. Basislager zwei ist die Nachfolge-CD "Music From The Machine Age" mit Kompositionen etwa von Bartok, Prokofieff und Ravel.

Wie sind Sie zu diesem sicher hochinteressanten Job gekommen?

GOETZEL: Ahmet Kocabiyik hat im Marinskij-Theater in St. Petersburg einen "Don Giovanni" unter meiner Leitung gesehen. Dann saßen wir zusammen und er machte mir das Angebot.

Was ist nach bisherigen Erfahrungen die positivste Seite?

GOETZEL: Die flexible Administration. Woanders entscheiden Gremien, Politiker, Sponsoren. Hier sind es nur drei Leute. Habe ich einen Wunsch an den großen Boss, reagiert er sehr schnell.

Der schwierigste Aspekt?

GOETZEL: Es ist ein sehr junges Orchester, und ich muss einen Haufen ungemein talentierter Musiker mit den verschiedenen "Schulen" vertraut machen, sie so weit bringen, dass einen gemeinsamen "Dialekt" sprechen, einen gemeinsamen Atem entwickeln. Das dauert natürlich. Nehmen wir den Fußball als Beispiel: Als ich noch ein Bub war und unser Nationalteam gegen die Türken gespielt hat, haben wir die glatt weggeputzt. Doch sie haben Jahr für Jahr dazugelernt, und heute gibt's für uns kaum Chancen. So läuft das bei einem Orchester auch. Der große Vorteil ist die Jugend der Musiker, die alles aufsaugen wie ein Schwamm.

Wie läuft denn bei Ihnen ein Vorspielen?

GOETZEL: Geheim, hinter einem Vorhang, damit niemand Angst vor einer Blamage haben muss. Musiker sind sehr sensibel. Das Ergebnis erfährt der Bewerber über einen Computercode.

Wie wichtig ist diese Aufgabe für einen Dirigenten?

GOETZEL: Das Instrument eines Dirigenten ist das Orchester. Die jahrelange Arbeit mit einem Klangkörper ist die essentiell wesentlichste Aufgabe für die Kunst des Dirigierens.

Einmal pro Jahr spielen Sie in Istanbul ein "Wiener Konzert". Und Ihr Vater fliegt manchmal als Spezialhelfer ein?

GOETZEL: Er ist in Pension, hat noch unter Knappertsbusch gespielt und nimmt sich der Streicher an. Denn das, was die Musiker in Wien etwa in Sachen Johann-Strauß-Musik im Blut haben, ist hier nicht sehr leicht nachvollziehbar. Das geht nur mit üben, üben, üben.

Ab 2014 wollen Sie mit dem Orchester, dem vor allem bei den Streichern sehr viele Frauen angehören, erstmals auf Tournee gehen. Bisher war gewiss Salzburg der Höhepunkt. Wie war Ihnen und dem Orchester da zumute?

GOETZEL: 10 bis 15 Minuten, bevor man rausgeht, will man am liebsten weglaufen. Im Kopf bricht ein Tornado los. Doch wenn man einmal draußen ist, ist alles vorbei. Über das Feedback in Salzburg waren wir sehr glücklich.

Gibt es irgendwelche Vorgaben von Ihrem großen Boss Ahmet Kocabiyik?

GOETZEL: Er sagt: "Wenn einer glaubt, er hat alle Ziele erreicht, dann hat er sich die falschen Ziele gesetzt." Klar und einfach. INTERVIEW: LUIGI HEINRICH


Zur Person

Sascha Goetzel, geboren 1970 in Wien.

Nach dem Violinstudium an der Musikhochschule Graz Dirigierstudien u. a. bei Seiji Ozawa, Riccardo Muti und Zubin Mehta.

Seit 2007 Chefdirigent des Kuopio Symphonieorchesters, seit 2008 künstlerischer Leiter und Chefdirigent des Borusan Istanbul Philharmonic Orchestra.

CD-Tipp: "Music From The Machine Age".

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