Von Alltagsleid bis Widerstandskultur
Eine Kino-Durch- querung am ersten Diagonale-Tag zeigt die Stärke des österreichischen Films in den mannigfaltigen Erkundungen des Sozialen.

Foto © GOLDENGIRLS FILMPRODUKTIONSzenen aus "Nervenbruch Zusammen Gehabt"
Es war ein größenwahnsinniges Bauprojekt in den 60ern und Schauplatz eines Massakers auf Studenten: das Stadtviertel Nonoalco-Tlatelolco in Mexiko-Stadt. Lotte Schreiber skizziert in atemberaubenden Kameraeinstellungen das Leben vor der bröckelnden Fassade und den Verfall einer Idee als "Stadtteil für alle".
Tlatelolco. Von Lotte Schreiber. Donnerstag, 13.30 Uhr, Schubertkino.
"Auch aus Steinen, die dir in den Weg gelegt werden, kannst du etwas Schönes bauen." Ein Kästner-Zitat an der kahlen Wand im Übergangsheim für Frauen. Nach zehn Jahren ist Arash T. Riahi dorthin zurückgekehrt. In sanften und niemals wertenden Bildern lässt er die Frauen von damals und heute erzählen: von Abgründen, Alltagsleid und Hoffnung. Ein Film, der Mut macht.
Nervenbruch Zusammen Gehabt. Von Arash T. Riahi. Freitag, 21 Uhr, Schubertkino.
Beglückende Vielfalt im ersten von fünf Experimentalfilmprogrammen: In Benjamin Swiczinskys "Heldenkanzler", listig aus Archivmaterial und Animation montiert, erzählt Engelbert Dollfuß seine Lebensleistung - Österreichs Umformung zum austrofaschistischen Ständestaat. Formal zumindest weitschichtig verwandt zeigen Oliver Ressler und Zanny Begg in "The Bull Laid Bear" die Krise als großgestrickten Mythos aus Wirtschaftsbetrug und politischer Überforderung. Norbert Pfaffenbichler entwirft in "Conference" ein frappierendes Hitler-Palimpsest aus 65 Spielfilmporträts - mit Darstellern von Alec Guinness bis Hubsi Kramar. Katharina Gruzei schickt in "Die ArbeiterInnen verlassen die Fabrik" eine Menschengruppe durchs blinkende Geklingel einer Neon-Lichtinstallation und auf die Spur der Brüder Lumière. Und Manfred Rainer sinniert in "Protest ohne Ästhetik und Form" über die Vereinnahmung zeitgenössischer Widerstandskultur.
Experimentalfilmprogramm 1. Freutag, 18.30 Uhr, KIZ Royal.
Das unbekannte Wesen Dirigentin thematisiert Marion Porten in ihren zwei Kurzfilmen (eigentlich Teil einer Installation) um Geschlechterzuordnungen und Machtverhältnisse im Orchester. Auch Manfred Neuwirths Film kann man sich gut als Kunstinstallation vorstellen: Streng statische Aufnahmen von fünf Naturschauplätzen, deren Sogwirkung Christian Fennesz' subtil-raffinierter Score noch verstärkt.
Der Rücken der Dirigentin von Marion Porten, scapes and elements von Manfred Neuwirth. Freitag, 14 Uhr, Schubertkino.



















