Vom Abstellgleis ins Leben
Die Politik diskutiert über Schulabbrecher. Derweil haben 20 junge Menschen, viele von ihnen Neu-Steirer, ihren Hauptschulabschluss nachgeholt. Ein Sprungbrett, weg von Hilfsarbeiterjobs.

Foto © GERNOT EDERSchülerin Sue, Projektleiterin Ilse Murnig und Lehrer Günter Stocker
Für die Abschlussfeier haben sie sich den Donauwalzer gewünscht - ohne Tanzen kein Fest. Vor einem Jahr noch lag ein großer Berg vor ihnen. Da hatten sie ein leeres Blatt Papier bekommen, auf dem nur ihr Name stand. Jetzt ist es gefüllt, mit Buchstaben und Zahlen. "Mathematik: Befriedigend", steht da etwa oder "Englisch: Sehr gut".
Die neuen Besitzer der Zeugnisse: 20 junge Menschen, die an diesem Tag auf Sesseln, Tischen und Fensterbänken sitzen. Einige lächeln, andere sind ernst, sie hören zu. Es wird aus dem Klassentagebuch vorgelesen: "Ich habe sehr vieles gelernt, was ich vorher noch nie gelernt habe: Mitarbeit, Respekt, Erwachsensein. Ich gehe mit Tränen in den Augen." Geschrieben hat es einer der 20 Absolventen der externen Hauptschule Isop in Graz.
Es sind Jugendliche und junge Erwachsene, Migranten und Österreicher. Sie haben unterschiedliche Hautfarben und jeder seine Vorgeschichte. Was sie verbindet, sind Probleme, meist in der Familie. Viele sind an den bisherigen Schulen gescheitert. Für andere ist es die einzige Chance, eine Grundbildung zu erreichen, die sie in ihren Herkunftsländern nicht bekommen haben. Manche hingegen haben sogar schon Matura, die aber in Österreich nicht anerkannt wird. Drei Viertel der Schüler sind Migranten.
An diesem Tag sind die Unwägbarkeiten des Lebens nur am Rande Thema. "Ihr seid alle mit einem Sack Problemen gekommen", sagt Ilse Murnig, die Leiterin der Schule, zu ihren versammelten Schützlingen. "Jetzt könnt ihr die Früchte ernten. Ihr habt viel erreicht: Ihr habt gemerkt, dass ihr ein Ziel erreichen könnt, dass ihr nicht aufgebt, dass ihr wertvoll seid." Alle klatschen.
Auch die Absolventin mit den besten Noten, Sue. Die 19-Jährige hat in der ersten Leistungsgruppe fast nur Einser. Vor zwei Jahren ist sie aus Kenia nach Österreich gekommen. "Ich möchte gerne in die Tourismusbranche", sagt sie in gutem Deutsch. "Aber ob das geht, weiß ich nicht, ich bin noch Asylwerberin." Dann sagt sie zu ihren Lehrern: "Danke. Ich weiß, dass es nicht einfach ist, uns zu unterrichten. Ihr wart nicht nur unsere Lehrer, ihr seid unsere Eltern."
Zukunftshoffnung
Sues Klassenkollege Kisito ist schon 26. Ab zwei Uhr früh arbeitet er bei der Post, zur ersten Stunde saß er dann ein Jahr lang in der Isop-Klasse. Jetzt will er als Automechaniker durchstarten. "Ich habe das in Afrika gelernt und möchte jetzt hier eine Lehrstelle finden", sagt er. Etwas erreichen will auch sein Freund Habibulrahman. Er hat schließlich mit Auszeichnung abgeschlossen und peilt eine Lehre mit Matura an. Sein Ziel: Gas-, Heizungs-, und Wasserinstallateur.
"Wir sind jetzt das Sprungbrett für euch, heute könnt ihr losstarten", sagt Ilse Murnig. Nicht alle werden es schaffen. Aber einige werden es zu nutzen wissen.
Features
Den Hauptschulabschluss nachholen
Lehrgänge. Seit mehr als zehn Jahren bietet die Externe Hauptschule Isop (Innovative Sozialprojekte) jährlich zwei Lehrgänge als Vorbereitung zum Hauptschulabschluss an.
350 Teilnehmer aus rund 30 Herkunftsländern erreichten bereits den Abschluss. Aktuell sind 24 Prozent Österreicher.
Die Schüler (ab 15 Jahre) starten alle aus schwierigen Positionen, viele sind in problematischer psychischer Verfassung. Sozialpädagogische Betreuung ist essenziell.
Profitieren. Die Kursteilnehmer aus krisengeschüttelten Weltregionen motivieren laut Isop österreichische Schulverweigerer mit "Null-Bock-Gesinnung". Diese helfen wiederum, Sprachdefizite bei den Migranten zu verbessern.

















