Die Verlorenen einer Generation
75.000 junge Österreicher sind weder in Ausbildung noch auf dem Arbeitsmarkt. Höhere Strafen für Schulschwänzer lösen dieses Problem kaum.

Foto © Hoffmann Aus dem System gefallen sind acht Prozent (75.000) der 16- bis 24-Jährigen
Staatssekretär Sebastian Kurz hat erreicht, was er seit seinem Amtsantritt immer wieder forderte: Die Strafen für Schulabbrecher werden erhöht. Doch werden 440 Euro für die Eltern von notorischen Schulpflichtverweigerern die "Verlorenen einer Generation" zurück auf den rechten Weg bringen? Kritiker zweifeln, denn es geht um mehr als ums Schwänzen.
Kurz bezieht sich mit seiner Forderung nämlich auf die rund 75.000 Menschen zwischen 16 und 24 Jahren, die in Österreich weder in der Schule noch auf dem Arbeitsmarkt sind. Und auf die rund 10.000 Schulabbrecher jährlich. Besonders davon betroffen sind laut Statistik in beiden Fällen junge Migranten.
Einige dieser Schulabbrecher sitzen in den beiden Klassen der externen Hauptschule Isop in Graz und holen ihren Abschluss nach. 22 sind es pro Klasse, die meisten sind zwischen 20 und 30 Jahre alt, einige jünger, manche älter. Drei Viertel von ihnen stammen aus Zuwandererfamilien, erste oder zweite Generation. Ihre Vorgeschichten sind unterschiedlich, doch eines verbindet die allermeisten: "Sie haben ein schwieriges familiäres Umfeld", sagt Ilse Murnig, Leiterin der externen Hauptschule. Sozialpädagogische Betreuung sei deshalb neben der Vermittlung von Lernstoff essenziell.
Schulabbrecher
Denn einmal sind sie schon aus dem System gefallen. Bei jenen mit deutscher Muttersprache spielen oft Suchtproblematiken, Beschaffungskriminalität und Alkoholismus im Elternhaus eine Rolle. Mit dabei sind auch Menschen mit psychischen Problemen oder Symptomen einer "Wohlstandsverwahrlosung". Bei den Migranten gibt es das gleiche Spektrum - und ein oft bildungsfernes Elternhaus. "Viele erleben Arbeitslosigkeit der Eltern", erzählt Murnig. Sie betont aber auch: "Am motiviertesten sind jene, die noch nicht so lang hier sind und noch nie im österreichischen Schulsystem waren."
Abschluss als Sprungbrett
Nachdenklich macht Murnig, dass es in der öffentlichen Diskussion oft darum geht, wer "nur" einen Hauptschulabschluss hat. "Zu uns kommen jene, die nicht einmal den haben." Einige gehen danach weiter auf Abendschulen oder beginnen eine Lehre. Für sie ist der Hauptschulabschluss ein Sprungbrett. Andere hingegen bleiben bei Hilfsjobs, und es gibt Mädchen, die heiraten und zu Hause bleiben.
Klar ist, dass sich ein bildungsfernes Elternhaus auf die Kinder überträgt. Wie kann dieser Kreislauf durchbrochen werden? "Schwierig", sagt Schulpsychologe Josef Zollneritsch. "Wichtig ist die Schulsozialarbeit, vor allem, dass der Kontakt zu den Eltern gepflegt wird." Verständnis bei den Eltern zu erzeugen sei der einzig mögliche Weg. "Denn diese Eltern haben selbst eine Abwehr gegen die Schule, oft in eigenen Erfahrungen begründet."
Auch im Schulsystem ortet Zollneritsch Mankos: "Das Problem ist die Vormittagsschule." Viele gingen dabei verloren. "Man müsste ein gemeinsames Mittagessen anbieten und eine intensive Beziehung zu den Schülern herstellen", sagt er.
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Kommentar
Höchststrafe
440 Euro wird künftig die Höchststrafe für Schulschwänzen sein (bisher 220). Ein Verfahren kann eingeleitet werden, wenn mehr als 100 Stunden in den letzten drei Monaten gefehlt wurden.
Österreichweit gibt es laut Unterrichtsministerium rund 1500 Verfahren pro Jahr, fast 1200 davon allerdings allein in Wien.
In der Steiermark ist die Zahl der Verfahren sehr gering: 2011 gab es 63 Verfahren wegen Schulpflichtverletzungen, 14 Mal wurden Eltern gestraft. Meist wurde nur ermahnt.














