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Zuletzt aktualisiert: 15.01.2012 um 18:08 UhrKommentare

Christoph & Lollo: Kult dank Ahonen und Funaki

Das Duo Christoph & Lollo erfand das musikalische Genre der Schispringer-Lieder. Die Wiener sind mittlerweile bissiger, politischer geworden, doch auch ihre melancholischen Hymnen auf Schisprung-Größen wie Ahonen, Bredesen und Funaki machen immer noch großen Spaß. Am Dienstag und Mittwoch gastieren die Liedermacher im Grazer Theatercafé. Von Stefan Tauscher.

Die beiden Musiker

Foto © Ingo PertramerDie beiden Musiker

Die österreichischen "Superadler", die soeben das Kulm-Wochenende bewältigt haben, bilden die absolute Weltspitze des Schisprungsports. Zudem sind sie Fixstarter bei den Wahlen zum "Sportler des Jahres", Quotenbringer für den ORF und Werbestars ("Mit V wie Vlügel"). Eines können Thomas Morgenstern, Gregor Schlierenzauer und Co. jedoch (noch) nicht von sich behaupten – das ihnen zu Ehren ganze Lieder gewidmet wurden. Genau dies widerfuhr prominenten und erfolgreichen Kollegen von einst wie Janne Ahonen (FIN), Espen Bredesen (NOR) und Kazuyoshi Funaki (JPN), aber auch heute völlig unbekannten "Mitspringern" wie Horst Bulau (CAN), Ronny Hornschuh (GER) und Blaz Vrhovnik (SLO).

Alle Songs entstammen der Feder des Wieners Lorenz "Lollo" Pichler, der gemeinsam mit seinem Kumpel Christoph Drexler vor mehr als 15 Jahren wohl eher zufällig das musikalische Genre der Schispringer-Lieder ins Leben rief. Doch der Reihe nach: Die Beiden dürfen im Frühjahr 1995 gratis ein Lied aufnehmen und entscheiden sich für eine Eigenkreation mit dem schönen, leicht dadaistischen Refrain: "Schenk Frantisek Jez doch ein Lebkuchenherz". Die Aufforderung, dem ehemaligen tschechischen Weitenjäger ein Gebäckstück zukommen zu lassen, findet dann schließlich zwei ganz besondere Fans: Christoph Grissemann und Dirk Stermann. Das Brachialkomiker-Duo, für seinen ungewöhnlichen Musikgeschmack berühmt-berüchtigt, spielt das Lebkuchen-Lied regelmäßig in seiner FM4-Radioshow "Salon Helga".

"Mika, du Saufkopf, hast du wieder verloren?"

1999 gehen Christoph & Lollo dann ins Studio, um ihr erstes Album aufzunehmen. Meist in Tonlage Moll vorgetragen, schildert das Duo in zehn Songs die fiktiven und traurigen Schicksale von Athleten wie Jaroslav Sakala aus Tschechien (der mit dem Vokuhila), "Milchgesicht" Franci Petek (SLO) und Janne Väätäinen, der Finne mit den drei Umlaut-A in seinem Namen. Ständig wiederkehrendes Thema: das Scheitern im Leben im Allgemeinen und auf der Schanze im Besonderen, wunderbar zusammengefasst mit den Worten "Mika, du Saufkopf, hast du wieder verloren?", dem Finnen Mika Laitinen gewidmet.

Der Brite Michael "Eddie the Eagle" Edwards, der berühmteste "Hinterherhüpfer" aller Zeiten, wird ebenso bedacht wie der Norweger Birger Ruud, der noch in der Zwischenkriegszeit über die Bakken dieser Welt ging ("Er war ein Held und ein Idol, er war ein Schiweitsprung-Symbol"). Zu einem echten Kult-Song unter der stetig wachsenden Anhängerschar entwickelt sich "Funaki", eine ironische Lobeshymne auf den japanischen Weltklassespringer, die in der Live-Version knapp zehn Minuten dauert.

Christoph & Lollo - "Funaki"

Ein Klassiker werden auch die alljährlichen Auftritte vor dem Bergiselspringen in Innsbruck, ihrer "musikalischen Heimat", wie die Liedermacher selbst sagen. In den folgenden Jahren setzen Christoph & Lollo zwei Alben drauf, in denen weiter die "Adler" dominieren: Beim Hautamäki-Duell geht es zwischen den Brüdern Jussi und Matti ordentlich zur Sache, im Lied "Kazuki Nishishita" wird die ganze Essenz des Schispringens in einem einzigen Satz zusammengefasst: "Stiegen rauf und Schanze runter, Absprung, V-Stil, Telemark". Auch zum "Kampf" um die Vorherrschaft auf Österreichs Schispisten haben Christoph & Lollo eine dezidierte Meinung, wie der Refrain "Snowboarder, glaubt ihr denn etwa Besseres zu sein" beweist.

"Gar nichts zu lachen" hat auch Finnlands Altmeister Janne Ahonen, bekanntlich nicht gerade als Spaßkanone verschrien. In "Svenke", dem allerletzten Song des dritten Albums, beantworten die Wiener dann auch mit einem ironischen Augenzwinkern die Frage, warum es keine Lieder über Andi Goldberger, Stefan Horngacher oder Heinz Kuttin gibt: "Nur über Österreicher zu singen wär' uns viel zu heiß, sonst kommt der Schröcksnadel daher und sagt 'Was soll der Scheiß?'"

Christoph & Lollo - "Gar nichts zu Lachen"

"Ich hasse die Menschen im Fernsehen"

Mit der vierten CD "Trotzdemtrotz" (2005) sagen die beiden Musiker dann endgültig dem von ihnen geschaffen Genre der Schispringer-Lieder Adieu und beweisen seitdem, dass sie es vorzüglich verstehen, ernsthafte wie belanglose Themen gleichermaßen in kritische und witzige Texte zu verpacken und sie, nur von einer Gitarre begleitet, vorzutragen. Bereits zum "Frühwerk" gehören die drei Festtags-Lieder "Aschermittwoch", "Pfingsten" und "Weihnachten". Im "Globalisierungslied" verdeutlichen Christoph & Lollo allen Spekulanten dieser Welt die wahren Werte des Lebens, im Song "Ich hasse die Menschen im Fernsehen" sprechen sie wohl so manchem aus der Seele.

Der Titel "Danke lieber Zivildienst" ist wohl selbsterklärend, im Lied "Sponsoren" rückt der Vermarktungs-Wahn unserer Tage in den Fokus, bei "Brüste" dreht sich alles um die geheimnisvolle Wirkung der sekundären weiblichen Geschlechtsorgane auf die Männerwelt. "Internetforenposter" bekommen schließlich ebenso ihr Fett ab wie Türsteher ("In der Hölle brennen").

Im sechsten Album "Tschuldigung.", 2011 erschienen, wagen Christoph & Lollo, längst zu Underground-Stars in Österreich avanciert, dann erfolgreich den Sprung ins Politische: Der dumpfen Islamophobie ("Pummerin statt Muezzin") setzen sie ihr "Islamlied" entgegen, mit einem bitterbösen wie ebenso witzigen Video versehen. Schließlich sprechen sie aus, was sich wohl viele Österreicher angesichts von Karl-Heinz "Mr. Unschuldsvermutung" Grasser denken, das Video dazu erreichte bei YouTube immerhin bereits mehr als 400.000 Klicks (siehe oben rechts).

Christoph & Lollo - "Islamlied"

Zwei Meister der Improvisationskunst

Die wahre Stärke von Christoph & Lollo liegt aber wohl in der Live-Performance: Nur von Lollos "Akustivklampfen" begleitet, singt sich Christoph die Seele aus dem Leibe. Dazwischen wird über Gott und die Welt diskutiert, die Reihenfolge der präsentierten Songs folgt scheinbar keinem Plan. Musikalische Schnitzer, Textschwächen, ungelenke Ansagen – Auftritte von Christoph & Lollo sind die totale Antithese zum perfektionistischen, hochtechnologischen Bombast-Rock von Rolling Stones, U2 und Konsorten. Die beiden Musik-Kabarettisten sind, obwohl sie als Profis unterwegs sind, Amateure im ursprünglichen Sinn des Wortes, nämlich "Liebhaber" ihres Tuns und dank dieser Authentizität auch echte Publikumslieblinge.

Wer sich sein eigenes Bild machen möchte, die beiden sympathischen Musiker gastieren am Dienstag (17.1.) und Mittwoch (18.1.) im legendären Grazer Theatercafé. In diesem Sinne: "Gar nichts zum Lachen" mag für den großen Schispringer Janne Ahonen gelten, aber nicht für Christoph & Lollo!

Christoph & Lollo - "Sponsoren"

STEFAN TAUSCHER

Konzerte in Graz

Christoph & Lollo gastieren am Dienstag, dem 17., und Mittwoch, dem 18. Jänner, um 20:00 Uhr mit ihrem aktuellen Album "Tschuldigung." im Grazer Theatercafé.

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