Paul Lainer: Kleiner großer Kämpfer
Paul kam drei Monate zu früh auf die Welt. Mit seinem Zwillingsbruder Roman kämpfte er ums Überleben. Von einem Abschied und einem Neubeginn.

Foto © MARIJA KANIZAJBei seiner Geburt wog Paul gerade einmal 980 Gramm. Heute ist er der Sonnenschein der Familie
Braune Knopfaugen, Stupsnase, verschmitztes Lächeln, den Polsterzipf noch im Gesicht. Gestatten, Paul. Da sitzt er also der kleine Mann, soeben vom Mittagsschlaf in der warmen Stube nebenan aufgewacht. Beim letzten Besuch in der Neonatalogie am LKH Graz vor rund einem Jahr wog Paul, um drei Monate zu früh auf die Welt gekommen, gerade einmal 2102 Gramm und man freute sich noch darüber, dass der kleine Bursche ganz ohne Sonde und Kabel auskam. Wenige Tage später durfte er nach Hause. Zum Bauernhof nach Großarl. Das erste Mal in seinem Leben, drei Monate nach seiner Geburt. Zu Weihnachten. Und heute? Heute ist Paul der Freundliche, der Offene, "unser Paul". Der kleine Bursche, der am liebsten in den Geschirrspüler kraxelt oder sich mit quietschender Vorfreude unterm Küchentisch versteckt. 9,5 Kilo unbändiger Lebenswille. Mittlerweile weiß er auch schon die süßen Vorzüge von Weihnachtskekserln zu schätzen. Und das am besten gleich als Ganzes.
Schön, aber trotzdem hart sei sie gewesen, die Zeit der Rückkehr, sagt Mama Barbara Lainer, während bei Paul und seinem Bruder Georg am Boden kurz Ruhe einkehrt. Zwei müde Zimtsterne. Anfangs hätten sie und ihr Mann Richard den kleinen zerbrechlichen Säugling noch isoliert. Zu viele Menschen. Zu viele Viren. Nach Besuch wurde desinfiziert. Bei Arztbesuchen früh genug Bescheid gesagt, damit sie mit Paul gleich ins Behandlungszimmer durften. Jede Bewegung wurde gedeutet, gelesen. Bewegt er sich anders, als andere Kinder? Vor dem Schlafengehen immer wieder der Blick ins Kinderzimmer. Atmet er noch?
Abschied nehmen
Die Narben waren noch zu frisch. Oft denken sie noch an Roman, Pauls Zwillingsbruder. Sein kurzes Leben und wie er doch immer Teil ihrer Familie sein wird. Nur wenige Stunden, um sich kennenzulernen und Abschied zu nehmen. Nur wenige Stunden, um dieses kleine Leben auf den Namen Roman zu taufen. Ein Schwarz-Weiß-Bild, das in seinen letzten 30 Lebensminuten entstanden ist, steht im Herrgottswinkel in der Küche. Neben Adventkalender und Büchern mit Titeln wie "Der allerkleinste Tannenbaum". Teil des Alltags.
Roman Lainer. geb. am 25. Sep., 2010. gest. am 29. Sept., 2010.
Roman erlitt vier Tage nach der Geburt eine Gehirnblutung. "Da hatte er eine Schmerzinfusion, damit er in Ruhe gehen kann", sagt Vater Richard beim Blick auf das kleine Lebewesen. So klein, dass Barbaras Hand auf dem Foto wie die eines Riesen wirkt. "Roman ist im Himmel oben", sagt sein Bruder Georg nebenbei.
Auch Paul sei auf eine Art immer auf der Suche, so als wisse er, dass er einmal Teil eines Ganzen war. "Wir haben Romans Urne am Ostersonntag am kleinen Marterl vor unserem Hof beigesetzt. Und am Ostermontag wurde Paul getauft." Oft gehen sie den schmalen Weg zum Marterl, halten inne und zünden für Roman eine Kerze an. Erinnern.
Mitte Oktober war Paul für dieses Jahr das letzte Mal zur Kontrolle in Graz. "Die Schwestern und Ärzte können es fast nie glauben, wenn sie ihn sehen." Paul lauscht, als verstünde er, dass es um ihre Geschichte geht. Seine und die seines Bruders mit dem er sich nie streiten wird können. Weinen oder lachen.
Alle zwei Wochen geht er nun zu Cilli. Physiotherapie. Gehenlernen. Fortschritt in kleinen Schritten. "Ein Ziel haben wir aber", strahlt Barbara, "ein großes, aber wir hoffen, dass Paul im Mai die Ringe seiner Patentante zum Traualtar tragen kann." Ob er es schaffen wird? Man weiß es nicht. Eines ist aber gewiss. Romans Unterstützung von oben.
"Steh' nicht an meinem Grab und weine. Ich bin nicht dort. Ich bin in den wärmenden Sonnenstrahlen auf deinem Gesicht. Ich bin dein Schutzengel, der immer an deiner Seite ist."
















