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Zuletzt aktualisiert: 21.11.2011 um 21:43 UhrKommentare

Immer mehr Psychopillen für unsere Kinder

Dramatischer Anstieg von Psychopharmaka für unruhige Kinder: Seit 2004 wurden um 90 Prozent mehr Rezepte ausgestellt.

Unruhige Kinder bekommen oft Ritalin verschrieben

Foto © Fotolia/Nicole Effinger Unruhige Kinder bekommen oft Ritalin verschrieben

Sie sind zappelig, können nicht still sitzen und sich konzentrieren. Oft haben sie Schulprobleme und Aggressionen. Sie selbst und häufig auch ihre Familien leiden. Wird bei Kindern das Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom ADHS diagnostiziert, werden sie oft mit Ritalin oder ähnlichen Medikamenten behandelt. Die Zahl der Verschreibungen ist in den letzten Jahren stark gestiegen: Im Vorjahr wurden laut Hauptverband der Sozialversicherungsträger 87.000 Rezepte ausgestellt - um 90 Prozent mehr als 2006, jedes zweite für Kinder unter 14. Bei zwei bis fünf Prozent der Schulkinder in Österreich wird ADHS diagnostiziert.

Doch auch wenn ADHS zu einem Modewort geworden ist - nicht jedes besonders aufgeweckte Kind hat eine Aufmerksamkeits- oder Hyperaktivitätsstörung. "Es gibt auch nicht mehr hyperaktive Kinder als früher. Aber die Frage wird einfach öfter gestellt, weil Lehrer oder Schulpsychologen schneller daran denken", sagt Peter Scheer, der Leiter der Psychosomatisch-Psychotherapeutischen Station an der Grazer Kinderklinik.

Für die Diagnose von ADHS braucht es Spezialisten. Sie müssen abklären, ob auffälliges Verhalten nicht andere Gründe hat: über- oder unterdurchschnittliche Intelligenz, Gewalt zu Hause, Mobbing und Ängste können Ursachen sein, die mit ADHS nichts zu tun haben - immerhin haben zehn bis zwanzig Prozent der Kinder Lernschwierigkeiten. Ritalin oder Ähnliches darf in diesen Fällen nicht angewandt werden. "In der Steiermark gibt es in diese Richtung sehr gut ausgebildete Kinderärzte", sagt Scheer.

Ritalin - ursprünglich für US-Bomberpiloten entwickelt - fällt in Österreich seit den 70er-Jahren unter das Suchtgiftgesetz. Für Brigitte Hackenberg von der Klinik für Kinder- und Jugendheilkunde am AKH in Wien sind Medikamente in bestimmten Fällen sinnvoll. Doch müssten sich Ärzte bewusst sein, dass man mit Medikamenten die Kinder an die Umwelt anpasse anstatt die Umwelt an die Kinder, sagt sie. Kinder bräuchten bessere Rahmenbedingungen durch Veränderungen im Schulsystem und mehr finanzielle Mittel für nichtmedikamentöse Therapien.

Kein System für Burschen

ADHS kommt bei Burschen sechs- bis siebenmal häufiger vor als bei Mädchen. Laut Scheer ist eine Erklärung, dass diese Burschen stärker Jäger geblieben sind und ihr Gehirn nicht so sehr für Kulturleistungen, sondern fürs Erobern und Kämpfen gebaut ist. "Viele werfen dem Schulsystem vor, dass es für Mädchen besser ist als für Buben. ADHS passt einfach nicht ins System, passt nicht mit dem zusammen, was wir vom Kind erwarten", sagt der Arzt. Das bestätigt auch Brigitte Platzer, Lehrerin in Graz. "Pro Klasse habe ich bisher ein bis zwei Kinder gehabt, wo sich im Lauf der Zeit herausgestellt hat, dass sie auffällig sind", sagt sie. Diese Kinder könne man nicht so sehr an den Rahmen anpassen, den das System Schule vorgebe. Für sie wäre mehr Betreuung wichtig, sagt Platzer. "Man muss aber unterscheiden zwischen dem klar umschriebenen Auffälligkeitsbild ADHS und allgemeinen Verhaltensauffälligkeiten." Letztere hätten schon ein Stück weit zugenommen.

An der Pädagogischen Hochschule Steiermark gibt es einen großen Lehrgang "Kinder und Jugendliche mit speziellen Erziehungsbedürfnissen". Aber auch Kurse zur Lehrerfortbildung zu diesem Thema sind begehrt und teilweise sogar überbucht.

Ritalin für Vierjährige

In anderen Ländern ist man übrigens schneller mit Ritalin zur Hand als in Österreich. In den USA zum Beispiel wird ADHS weitaus häufiger diagnostiziert: Mindestens zehn Prozent der Schulkinder sollen davon betroffen sein. Erst im Oktober hat die amerikanische Akademie der Kinderärzte ihre Richtlinien für ADHS verändert. Schon Vierjährige sollen in Zukunft mit Medikamenten und anderen Therapieformen behandelt werden.

SONJA HASEWEND

Ritalin und ADHS

Pillen wie Ritalin steigern die Konzentration. Nebenwirkungen können Appetitlosigkeit und Wachstumsverzögerungen sein. Ritalin kommt bei ADHS zum Einsatz. Missbräuchlich wird es auch zur Leistungssteigerung genommen. Das kann zu Lungenhochdruck führen.

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