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Zuletzt aktualisiert: 18.11.2011 um 22:03 UhrKommentare

"Homosexualität ist sichtbarer geworden"

20 Jahre Rosalila Pantherinnen in Graz - ein Anlass für Rück- und Vorausblicke. Vereins-Obmann Kurt Zernig über die Sex-Masche, Familie, sein Coming Out und Conchita Wurst.

D ie Rosalila PantherInnen feiern ihr 20-Jahr-Jubiläum, Sie sind von Anfang an dabei. Wie erlebten Sie Ihr Coming-out?

KURT ZERNIG: Das war Ende der Achtziger, nachdem ich zum Studieren nach Graz gekommen bin. Es war ein schmerzhafter Prozess. Ich wusste schon mit 14 Jahren, wohin es läuft, habe es mir aber nicht eingestanden. Der Ortswechsel aus der kleinen Kärntner Gemeinde nach Graz war notwendig. Hier gab es eine kleine Szene, Anknüpfungspunkte, erstmals Menschen, mit denen ich über Homosexualität reden konnte. Das Coming-out war eine innere Befreiung.

Fällt Menschen das Coming Out heute leichter?

ZERNIG: Es ist auch heute noch für jeden ein großer Umbruch. Die Erkenntnis, dass man einer Minderheit angehört, ist nicht leicht. Das tut weh. Geändert hat sich aber, dass sich die Menschen heute früher outen. Weil Homosexualität in unserer Gesellschaft sichtbarer geworden ist.

Was brachte Sie dazu, die PantherInnen mitzugründen?

ZERNIG: Damals war die Homosexuellen-Initiative in Graz in Auflösung begriffen. Ich wollte die Lücke füllen, habe aber zwei Jahre gebraucht, bis der Verein gegründet werden konnte.

Warum?

ZERNIG: Es wollte niemand in den Vereinsvorstand. Es schreckte viele ab, dass man seinen Namen bei der Vereinspolizei eintragen musste. Und es gab damals noch ein Verbot von Vereinen, die Homosexualität begünstigten - im Falle der Erregung eines öffentlichen Ärgernisses.

Was ist im Kampf um die Gleichstellung 20 Jahre später geschafft?

ZERNIG: Es ist viel erreicht. Auf der rechtlichen Ebene geht es nur noch um eines: Wir wollen eine völlige Gleichstellung im Partnerschaftsrecht, auch auf der symbolischen Ebene - etwa, dass wir künftig am Standesamt heiraten dürfen. Aber es geht auch um Diskriminierungen, die faktisch noch weit mehr Schaden anrichten. Etwa bei gleichgeschlechtlichen Partnerschaften, in denen es Kinder gibt. Der Staat tut so, als gäbe es diese Kinder nicht. Diese sind benachteiligt, man nimmt ihnen eine unterhaltspflichtige Person.

Was muss noch errungen werden?

ZERNIG: Wir fordern, dass Homosexuellen die Adoption von Kindern ermöglicht und lesbischen Paaren auch die künstliche Befruchtung in Österreich erlaubt wird. Im europäischen Ausland ist das ja bereits möglich. Dass gleichgeschlechtliche Paare nun laut Verfassungsgerichtshof den Bindestrich im Doppelnamen führen dürfen, ist ein schöner Etappensieg, den ein Grazer Paar errungen hat. Der VfGH hat hier zwei wichtige Feststellungen getroffen: Er hält fest, dass Diskriminierung zwischen Ehe und Verpartnerung einfach so nicht geht. Es darf keine Unterschiede geben, außer es liegt ein triftiger Grund vor. Und: Gleichgeschlechtliche Paare haben laut VfGH nicht nur ein Recht auf Schutz des Privat-, sondern auch des Familienlebens. Dass diese Beziehungen also jetzt als Familienleben zu sehen sind, ja, das ist schon bemerkenswert.

Conchita Wurst geisterte gerade durch den Blätterwald. Sind solche Reizfiguren, die die Bevölkerung spalten, in Sachen Akzeptanz positiv für Ihre Bewegung?

ZERNIG: Ja, ich sehe das eigentlich positiv. Das polarisiert, regt zum Nachdenken an, bringt das Thema in die Medien. Aber das Tuntige polarisiert selbst unter Homosexuellen.

Warum?

ZERNIG: Weil Männlichkeitsbilder in Frage gestellt werden. Oft reagieren auch schwule Männer aggressiv auf Tunten. Sie haben Sorge, dass man in ihrem Umfeld denkt, das ist auch so einer. Obwohl im richtigen Leben kaum wer in Frauenkleidern herumläuft.

Stört es Sie, dass der ORF Homosexuelle als Quotenbringer einsetzt?

ZERNIG: Nein, das ist ein Zeichen dafür, dass es bei den Zusehern da auch ein Interesse gibt.

Und warum sind Aktionen homosexueller Initiativen sehr oft oversexed? Stichwort Lifeball, aber auch der Grazer Tuntenball der Rosalila PantherInnen?

ZERNIG: Homosexuelle werden als Teil der Gesellschaft durch den Zeitgeist mitbestimmt. Und unsere Gesellschaft ist allgemein oversexed. Natürlich ist es aber auch die Frage, womit erlangt man für sein Thema die meiste Aufmerksamkeit, und da hilft das Schrille. Es gilt aber bei den Homosexuellen, glaube ich, derzeit auch der zweite Teil des Spruchs: Oversexed and underfucked.

Bleiben wir beim Tuntenball: Das begann 1990 mit einem Fest in der Uni-Mensa, jetzt tanzt man im ausverkauften Congress in bester Gesellschaft. Ist die Sex-Masche ein Türöffner?

ZERNIG: Wir haben sie jedenfalls nicht bewusst so eingesetzt. Der große Erfolg war für uns nicht vorherzusehen. Aber es stimmt, vielleicht gehen Heteros jetzt auch hin, weil man sich da mehr traut. Was wiederum zeigt, dass alle ähnliche Bedürfnisse haben.

Und wie ist es da mit der Kritik aus der Szene, dass zu viele Heteros auf Ihren Festen sind?

ZERNIG: Ich möchte nicht abstreiten, dass es diese Kritik gibt. Aber da sage ich: Wir wollen keine Diskriminierung andersrum. Ich will, dass solche Veranstaltungen allen offen stehen.

Zum Jubiläum gibt es morgen einen Bürgermeister-Empfang im Rathaus . . .

ZERNIG: Das hat uns selbst überrascht.

Nützen Sie die Gelegenheit, um sich für die Verpartnerung am Standesamt einzusetzen?

ZERNIG: Als Interessenvertretung muss man solche Gelegenheiten natürlich auch nützen. Aber wir sind zu Gast und wissen uns da auch zu benehmen. Unser Leitsatz ist: Streicheln, wenn möglich, und kratzen, wenn nötig.

INTERVIEW: BERND HECKE, HEIKE KRUSCH


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