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Zuletzt aktualisiert: 06.11.2011 um 18:07 UhrKommentare

Zeitzeugenkonferenz in Graz: "Das Ende Jugoslawiens"

Rund 30 Politiker, Fachleute und Journalisten erinnern sich. Die Gästeliste umfasst unter anderem Ex-Außenminister Loncar und die frühere Vizechefin der bosnischen Tageszeitung "Oslobodenje", Gordana Knesevic.

Foto © Reuters

"Journalisten, die zu Gewalt aufstacheln, sollten zur Verantwortung gezogen werden", so die frühere Vizechefin der bosnischen Tageszeitung "Oslobodenje", Gordana Knesevic, in der am Wochenende zu Ende gegangenen, dreitägigen internationalen Konferenz von Zeitzeugen an der Uni Graz, "Debating the End of Yugoslavia". Ein mit Spannung erwarteter Gast bei der Konferenz anlässlich der 20. Wiederkehr des Auseinanderbrechens des Staates kam am Samstag übrigens wegen Krankheit nicht: Ivica Osim, letzter Trainer des jugoslawischen Nationalteams, dem viele Experten den Gewinn der EM 1992 zugetraut hätten, wenn das zerfallende Land nicht zuvor vom Turnier ausgeschlossen worden wäre.

Knesevic, heute Direktorin des Balkan-Dienstes von Radio Free Europe, analysierte die Mediensituation in den Jugoslawien-Kriegen: "Die Medien begannen den Krieg nicht, aber viele halfen den Hass zu verbereiten, indem andere ethnische Gruppen dämonisiert wurden. Die politischen Führer bedienten sich zudem einer Hasssprache." Sie habe vor der Konferenz recherchiert, ob es z. B. Verfahren gegen deutsche Journalisten nach 1945 gegeben habe, sie sei auf zwei gestoßen. "Medienleute, die aufstacheln, sollten zur Verantwortung gezogen werden", so Knezevic. "Aber ich bin nicht sicher, ob ich sie im Gefängnis sehen möchte, vielleicht sollten ernsthafte Organisationen solche Leute hinauswerfen, aber ich bin nicht sicher, was wirklich zu tun ist."

Jedenfalls sei es so, sagte Knezevic, dass ein Propagandist des früheren kroatischen Präsidenten Franjo Tudjman nun Journalismus lehre, ein ähnlich gelagerter Mitarbeiter von Radovan Karadzic sei Mitarbeiter im TV der bosnischen Serbenrepublik. "Warum sehen Medienleute in den früheren jugoslawischen Staaten nicht, dass es eine ehrenhafte und Respekt erlangende Arbeit sein kann, einfach seinen Job zu tun?" Die meisten glaubten, es gebe nur die politische Option als Zugang zu Einfluss und Macht: "Ich weiß nicht, wie das zu ändern ist." Der Krieg der Worte habe lange vor dem eigentlichen Kampf begonnen. "Der Krieg in Bosnien begann nicht als Erdbeben. Er begann, als eine Seite glaubte, ihre Ziele mit Gewalt zu erreichen", so Knezevic. Serbiens Präsident Slobodan Milosevic habe das TV oder die Zeitungen lange vorher unter Kontrolle gebracht. Die damalige Situation in Kroatien müsste noch genauer untersucht werden, so die Journalistin.

Der Journalist, Buchautor und zeitweilige Sprecher des Hohen Repräsentanten (HR/EUSR) Christopher Bennet, erzählte von einer völlig einseitigen Wahrnehmung der Geschehnisse durch die Menschen in Ex-Jugoslawien: Er war am 26. Juli 1991 in ein Gefecht zwischen Kroaten und Serben in Glina geraten, wobei auch der deutsche Journalist Egon Scotland starb. Als seine Frau darauf nach England zurückflog, habe eine junge Frau aus Belgrad während des Fluges von nichts anderem als den "Ustaschi" (kroatische Faschisten im Zweiten Weltkrieg, Anm.) gesprochen. Erzählungen seiner Frau habe sie gar nicht hören wollen. Viele hätten wirklich ihre eigene Propaganda geglaubt, und Medien seien ein politisches Werkzeug gewesen, wie absurd die Geschichten auch immer gewesen sein mögen. So habe etwa in serbischen Medien die Story die Runde gemacht, Kroaten hätten radioaktiven Abfall in serbischen Dörfern vergraben. Natürlich fand bei Grabungen niemand etwas, doch sei dies der Beweis gewesen, dass sie eben anderswo sein müssten. "So etwas wurde den Menschen jeden Tag eingehämmert", so Bennet, der auch die Medienkonzentration als Problem nannte.


Fakten

Konferenz: "Debating the End of Yugoslavia", Freitag 4. November bis Sonntag 6. November, jeweils ab 9.30 Uhr. Kompetenzzentrum Südosteuropa, Liebiggasse 9, 8010 Graz

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