Ein Zuhause auf Zeit
Nach den Heim-Gräuelgeschichten: Wie sehen die Einrichtungen für die 820 Grazer Kinder und Jugendlichen aus? Ein Besuch im "Aufwind", dem größten Haus für stationäre Fremdunterbringung in Graz.

Foto © Gernot Eder Die größte stationäre Betreuungseinrichtung von graz: das Anwesen des Aufwind am Blümelhofweg in Mariatrost
Die Schlagzeilen der letzten Wochen über Missbrauch, Brutalität und psychische Gewalt in den Erziehungsheimen von früher reisen mit zum Blümelhofweg 12, zum "Aufwind", dem größten Haus für stationäre Fremdunterbringung in Graz.
42 Kinder und Jugendliche zwischen elf und 18 Jahren leben, streiten, lachen, träumen, wohnen und lernen hier. Einige absolvieren am weitläufigen Anwesen sogar eine Friseur-, Gärtner-, Kosmetik- oder Kochlehre. Die Mädchen-, Buben- oder gemischten WGs dort lassen die Schlagzeilen im Kopf schnell wie trockene Vanillekipferl zerbröseln.
Einzelzimmer statt Schlafsäle, WG-Küchen statt Speisesäle, Regeln statt Strafen, freier Ausgang statt Eingesperrtsein. Susannes (16) Zimmertür ziert ein Poster von DSDS-Sieger Pietro Lombardi. Sie besucht eine Fachschule in Weiz und lebt seit einem Jahr "nicht freiwillig" hier. "Die Eltern meines Ex-Freundes wollten nicht, dass er mit mir befreundet ist, da ich angeblich in einem ,Heim für Schwererziehbare' lebe", erzählt sie. "Solche Meinungen gibt es oft", sagt Sozialpädagogin Simone Taferner.
Aber: Entschieden, zu bleiben, hat sie selbst. "Wir lassen alle Jugendlichen einen Vertrag unterschreiben, dass sie hier bleiben möchten", sagt Leiterin Gerhild Struklec-Penaso, die 2004 das Aufwind aufgesperrt hat, nachdem man Blümelhof- und Rosenheim zusammengelegt hat. Was man von den Jugendlichen will, ist transparent. Die Protokolle an die Jugendwohlfahrt müssen sie selbst unterzeichnen. Wochenziele wie "Diese Woche an alle Abmachungen halten", hängen für jeden am WG-Kühlschrank.
Rückgängige Zahlen
Das Wort Heim ist im "Aufwind" tabu. "Ich sag' zu meinen Freunden immer, ich geh' jetzt heim", kontert Rene und verzieht die Mundwinkel. Zeitgemäß ist das Wort längst nicht mehr. "Die Fremdunterbringung der Kinder und Jugendlichen ist - trotz Bevölkerungszuwachs - in den letzten 15 Jahren um ein Fünftel rückgängig" sagt Barbara Pitner, Leiterin der Landes-Sozialabteilung.
Rund 820 Grazer Kinder und Jugendliche leben derzeit in öffentlichen oder privaten Einrichtungen der Jugendwohlfahrt. 44 Prozent dieser Jugendlichen, deren Leben oder das ihrer Eltern für einige Zeit einen Umweg eingeschlagen hat, wohnen in WGs.
Schulverweigerung, Gewalt- und Alkoholfamilien, Wohlstandsverwahrlosung, sexueller Missbrauch oder Überforderung - zählt Sozialarbeiter Johannes Lalagas als Ursachen auf. "Unser Ziel ist es, dass die Jugendlichen die Ausbildung bei uns beenden", betont Taferner. Das Aufwind ist ein Zuhause auf Zeit. "Eine Familie hat man dagegen ein Leben lang." Kontakt zu (Pflege-)Eltern ist also ein willkommener.
Jeder wohnt alleine, hat einen eigenen Schlüssel. Das Zimmer: Rückzugsort und Traumschmiede. Seppi (15) hat gerade eine Kochlehre angefangen. Um später vielleicht mit Pflegevater und Pflegebruder ein eigenes Gasthaus aufzusperren. "Das wär's." Ein eigenes Daheim.
Features
Fakten
820 Kinder und Jugendliche in Graz leben derzeit in Einrichtungen der Jugendwohlfahrt mit stationärer Unterbringung.
77 Prozent davon leben in WGs, von denen 44 prozent mit Betreuern leben und 33 Prozent mobil betreut werden.
43 Kinder und Jugendliche leben derzeit im Aufwind in Graz-Mariatrost, 31 davon sind Mädchen, 12 Burschen.
















