Stephane Hessel in Graz
Kapitalismuskritiker Stephane Hessel (93) begeisterte in Graz. Sein Aufruf, sich in Parteien politisch zu engagieren, überraschte so manchen.

Foto © Sabine HoffmannStephane Hessel war Gast im Kleine Zeitung-Salon
Seine Streitschrift gegen die Übermacht der Finanzmärkte mit dem Titel "Empört Euch" wurde in 33 Sprachen übersetzt und millionenfach verkauft. Das überraschte nicht nur den Autor, es machte ihn auch nachdenklich: "Warum ist das so ein großer Erfolg?", fragte er sich vor fast 400 Zuhörern im vollen Grazer Minoritensaal - der musste bereits eine halbe Stunde vor Veranstaltungsbeginn aus feuerpolizeilichen Gründen gesperrt werden, Hunderte fanden keinen Einlass mehr.
Drinnen im Saal hätte man zeitweise eine Stecknadel fallen hören können, so fesselte Hessel im Gespräch mit Kleine-Chefredakteur Hubert Patterer die Zuhörer. Mit fester Stimme zog der gebrechliche Mann alle Register, von kämpferisch-antikapitalistisch bis sanftmütig und selbstkritisch. "Wir dürfen es den Finanzmächten nicht erlauben, unsere Regierungen zu regieren", das sei der Grund für sein Buch gewesen. Denn eine Welt, in der nicht mehr die demokratisch gewählten Regierungen das Sagen haben, sondern die Börsianer, das sei keine Demokratie mehr, das sei eine Oligarchie.
Hessel, der den Zweiten Weltkrieg zuerst in der französischen Résistance und dann mit Glück im Konzentrationslager überlebt hat, war einer der Mitautoren der heute noch gültigen UN-Menschenrechts-Charta. Deshalb gilt sein Kampf auch heute noch der Verteidigung der Demokratie. "Ich will keine Revolution", sagt er kämpferisch, sondern er wolle "intensiv darüber nachdenken, wie wir die Welt retten können". Dazu sei jeder Mann und jede Frau aufgerufen, jeder könne seinen Beitrag leisten.
Für manche Kapitalismuskritiker überraschend dann der Aufruf Hessels, sich aktiv in Parteien zu engagieren, obwohl diese ja mitschuldig an der heutigen Finanzmisere seien.
Der aktuelle Frust vieler Bürger gegen die Parteien ist für Hessel aber gefährlich, "so etwas führt zu großen Führern, die gegen alle Parteien auftreten", das habe die Geschichte brutal gezeigt. Auch das Ohnmachtsempfinden, man könne ohnehin nichts machen, sei gefährlich, die Gleichgültigkeit helfe nur jenen, die die Macht missbrauchen.
Als der sanfte Kämpfer am Ende ein elegisches Gedicht von Rainer Maria Rilke rezitierte, löste sich die emotionale Hochspannung mit minutenlangen Standing Ovations.



















