Der Intrigant in der Maske des Gauklers
Einhelliger, aber nicht euphorischer Beifall für die erste Premiere dieser Saison: Bei Giuseppe Verdis "Otello" erreicht die Grazer Oper szenisch und musikalisch nur Stadttheaterniveau.
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Wie ein Pendel schwebt, von Jago in Bewegung gesetzt, die Metallplastik des Gekreuzigten über der Menge, bis Otello sie energisch stoppt. Im zweiten Akt schleppt Jago sie nochmals auf die Bühne, um in seinem "Credo" im Spiel mit ihr seine These zu bekräftigen: "Das Jenseits ist Betrug!"
Die Botschaft ist leicht zu verstehen, trägt aber nicht einen ganzen Abend: Stephen Lawless versteht Verdis "Otello" nicht nur als Eifersuchtsdrama, sondern auch als Auseinandersetzung mit Gott, dem Jüngsten Gericht und der ewigen Verdammnis.
Der zweite Einfall des britischen Regisseurs: Er lässt Jago nicht als Fähnrich auftreten, sondern steckt ihn wie Rigoletto in das Kostüm eines Hofnarren, der als Clown in der Maske des Biedermannes seine tödlichen Intrigen spinnt. Das ist zwar gewöhnungsbedürftig, aber maßgeschneidert für James Rutherford, dessen Stimme keinerlei Dämonie verströmt.
Kahler Spielkasten
Der meist ohne Requisiten auskommende, bunt bemalte und akustisch günstige Spielkasten von Frank Philipp Schlößmann verweist auf die zeitlose Gültigkeit der Geschichte und konzentriert die Aufmerksamkeit der Zuschauer auf die Akteure. Weil aber alle drei Protagonisten nicht eben als Topfavoriten für den Laurence Olivier Award gelten können, bleibt Stephen Lawless diesmal weit unter seinem Niveau, erschöpft sich seine Personenregie im Ungefähren.
Für die bisweilen erheblich durchhängende Spannungsintensität zeichnet neben der Regie auch der Dirigent verantwortlich: Johannes Fritzsch bekräftigt am Pult der aufmerksam musizierenden Grazer Philharmoniker die Gültigkeit von Igor Strawinskys bissigem Bonmot, Verdi habe mit "Otello" und "Falstaff" zwar nicht seine besten Opern geschrieben, wohl aber die besten Richard Wagners.
Schmerzensmann
Der holländische Rollendebütant Frank van Aken zeichnet Otello als gequälten Schmerzensmann. Mit dem raukehligen, oft spröden Klang seines baritonal gefärbten Tenors führt er die Tradition von Jon Vickers und James McCracken fort. Imposanten, metallisch strahlenden, kraftstrotzenden Stentortönen steht eine häufig von heftigem Vibrato erschütterte, unausgeglichene Stimmgebung gegenüber und die von Verdi oft geforderte mezza voce spricht bei ihm nur selten an.
James Rutherford gestaltet den Jago nicht als finsteren, robusten Haudegen, sondern in der Maske des Clowns als Everybody's Darling, die gut zu seinem weichen, wohl gerundeten Bariton passt, dessen balsamische Schönheit an das Vorbild von Renato Bruson anzuknüpfen scheint. Im "Credo" aber nötigt Fritzsch den Briten, aus sich herauszugehen und vokalen "Biss" zu entwickeln.
Kultiviert und mit viel fraulicher Wärme singt Gal James die Desdemona, Taylan Memioglu gewinnt als Cassio markantes Profil, glänzend schlägt sich der von Bernhard Schneider einstudierte Chor. Wie schon bei der Produktion des Jahres 2004 bewähren sich Konstantin Sfiris als Montano und Wilfried Zelinka als Lodovico: Warum der Gesandte Venedigs aber als Kleriker auftreten muss, bleibt ein Rätsel.



















