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Zuletzt aktualisiert: 01.10.2011 um 21:02 UhrKommentare

"Gólgota Picnic": Dick aufgetragene Bilderflut

Mit Rodrigo Garcías "Gólgota Picnic" lädt der steirische herbst zum Bildersturm auf Konsumrausch und Grausamkeit. Dagegen wurde bei der Premiere demonstriert.

Schlachtfeld christlicher Ikonografie: „Gólgota Picnic“ des argentinischen Regisseurs und Autors Rodrigo García

Foto © steirischer herbstSchlachtfeld christlicher Ikonografie: ?Gólgota Picnic“ des argentinischen Regisseurs und Autors Rodrigo García

Ein paar Verlässliche gibt es noch, die sich nicht informieren müssen, um recht zu haben: Gezählte zwölf Demonstranten protestierten vor der herbst-Premiere am Freitag gegen Rodrigo Garcías "Gólgota Picnic" und die angebliche Darstellung Jesus' als Terroristen.

Knapp daneben. Garcías bildersattes Furioso erschöpft sich keineswegs in dumpfem Blasphemiegeknatter, eher versucht es sich als Kommentar auf den Zustand einer Welt, die der Autor als wesentlich von der christlichen Heilslehre geprägt begreift.

Gut, so der Befund, sieht das nicht aus, überall Konsumismus, Lüge, Grausamkeit, vielleicht muss die Heilsbotschaft also anders gelesen werden? Dafür geht García zurück an den Anfang, also zu Jesus selbst, stellt sich auf die Kontraposition und fragt: War da was in der Heilsbotschaft versteckt, das wir bisher überlesen haben? Verbrämt ist diese im Kern recht konventionelle Übung durch eine dick aufgetragene, barocke Bilderflut, die an Fra Angelico, Rogier van der Weyden, Mantegna, Rubens und Giotto vorüberführt, an Bach, Freud, iek, Deix und Schwarzenegger: Kulturgeschichte satt.

Ikonografie des Schreckens

2000 Jahre Kunst & Kultur: nichts als "Propaganda der Perversion, Folter und Grausamkeit", eine "Ikonografie des Schreckens, die ironischerweise von dem Wort Liebe ausging". Auf der Bühne postuliert das ein gefallener Engel. Der Schauplatz: ein Teppich herbsüßlich duftender Burgerbrötchen. Auf dieser Schädelstätte halten fünf Darsteller ein Picknick ab, das innerhalb von gut zwei Stunden in ein Schlachtfeld aus Bibelzitaten und religiösen Bildern mutiert. "Wir schleppen ein stürmisches visuelles Erbe mit, einen Albtraum auf Leinwand, Tafeln und Papier", heißt es an einer Stelle. Das wird noch einmal kräftig überhöht: in einen Bildersturm aus Kreuzigungsposen und frisch gemahlenem Fleisch, aus nackten Körpern, die sich in einem Brei aus Brot und Farbe wälzen, aus ausgespuckten Burgern und geöffneten Schößen in Großaufnahme - eine Live-Kamera projiziert das Bühnengeschehen auf eine gut 50 Quadratmeter große Leinwand.

Nach anderthalb Stunden hat man dann allmählich genug von Grenzüberschreitung und Überwältigungsästhetik. Da betritt der Pianist Marino Formenti die Bühne, zieht sich aus und spielt nackt die Klavierfassung von Joseph Haydns "Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze". Nach der vorangegangenen Materialschlacht entfaltet sich in seinem Spiel atemberaubende Schönheit, Kraft und Konzentration: Erlösung bar allen Ballasts.

Letzte Vorstellung: 19.30 Uhr, Orpheum.

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