steirischer herbst: Ausstellungsmarathon zwischen Kunst und Schilcher
Jedes Jahr zum Eröffnungswochenende des steirischen herbstes stellen sich die Kunstfreunde einer speziellen sportlichen Herausforderung: Der Eröffnungs-Marathon der Ausstellungen lässt eine - von Etappe zu Etappe kleiner werdende - Karawane durch Graz ziehen.

Foto © steirischer herbst/wolfgang silveri
Erleichternder Faktor war heuer der Umstand, dass durch die Schaffung eines Festivalbezirks hinter dem Kunsthaus die Wege so kurz waren wie noch nie. Als erschwerend für das Durchhaltevermögen erwies sich gestern, Samstag, das prächtige Herbstwetter und die zahlreichen Labestationen der umgebenden Wirten, bei denen der Schilcher-Sturm in eine "Zweite Welt" lockte, in der die Kunst keine entscheidende Rolle mehr spielte.
Weibel per Video-Botschaft
Der alte Fuchs Peter Weibel schaffte es nicht nur wieder einmal, auf wenigen Quadratmetern die vielleicht eingängigste Arbeit dieses Nachmittags zu zeigen, sondern auch in Graz präsent zu sein, obwohl er zeitgleich als verantwortlicher Kurator die Moskau Biennale eröffnete: In der kleinen Galerie "Artelier Contemporary" war er bei der Eröffnung seiner Installation "Leben im 20. Jahrhundert" per Video-Botschaft anwesend. Dass er nur als "Datenpaket Peter Weibel" in Graz dabei sei, solle man nicht weiter tragisch nehmen, beschied er den amüsierten Vernissage-Gästen: "Diese Bilder sind mir selbst ähnlicher, als ich mir selber sein könnte."
Zentraler Teil von Weibels Installation sind zehn virtuelle, im Galerieraum verteilte Globen, die von den Besuchern nur mittels iPad oder iPhone sichtbar gemacht werden können: Jede Weltkugel steht für eine Dekade Massenmord, deren schlimmste Tragödien aufgezählt und die Opferzahlen wie Blut zu Boden tropfen. Ein Body Count, der sich auf 225 Millionen politische Morde im 20. Jahrhundert summiert, eine Zählung des Desasters der realen Welt, sichtbar nur in einer künstlichen zweiten.
Der Festivaldistrikt:
Festival district - making of from herbst remixed on Vimeo.
Verkomplizierter Erkenntnisprozess
Das diesjährige herbst-Leitmotiv "Zweite Welten" dient immer wieder für unmittelbare politische Auseinandersetzung. "Public Folklore" heißt die von Soren Grammel kuratierte Gruppenschau im Grazer Kunstverein, in der soziologische, politologische und ethnologische Recherche ihren künstlerischen Ausdruck sucht. Künstler aus über einem Dutzend Ländern haben sich mit dem neuen Folklorismus beschäftigt, wie er von Parteien der Neuen Rechten in Skandinavien oder Osteuropa immer offensichtlicher eingesetzt wird. Uniformen und Trachten, in denen Tradition und Fantasie abenteuerliche Verbindungen eingehen, die Umdeutung nationaler Symbole für touristische und politische Zwecke - all' das ist vom Ansatz her hochinteressant. Häufig hat man allerdings das Gefühl, dass die Kunst dabei den Erkenntnisprozess eher verkompliziert als beschleunigt.
Zweite Welt – Wohin schreitet der Fortschritt
Thematisch sind von hier die Verbindungen zu der laufenden Ai Weiwei-Ausstellung "Interlacing" im Kunsthaus ebenso offensichtlich wie zu der am Vortag eröffneten "Zweite Welt"-Hauptausstellung in der nahen Galerie Zimmermann Kratochwill. Die israelische Multimediakünstlerin Yael Bartana, die in ihrem Projekt "Jewish Renaissance Movement in Poland" die Rückkehr der geflüchteten und ermordeten Juden nach Polen propagiert, ist nicht nur hier, sondern auch in der Ausstellung "Communitas. Unter anderen" in der Camera Austria vertreten. Mit den von ihr gezeigten Fotografien von Herbert und Leni Sonnenfeld aus den 30er bis 50er Jahren wird der Aufbruch in eine andere Utopie dokumentiert - die des freien und friedlichen Judenstaats in Palästina.
Im Haus der Architektur beschäftigen sich Werner Jauk und Franziska Hederer in ihrer Rauminstallation "Plurale Wirklichkeiten - variable multisensorische Räume" mit der veränderten Raumwahrnehmung durch akustische Einflüsse. Die Ohren spitzen muss man auch, will man die Klanginstallation von Danica Dakic auf dem Grazer Mursteg auskosten: 150 Sprachen werden in Graz gesprochen, und ein paar davon hört man in "Lullaby of the Earth" über am Brückengeländer befestigte Boxen. Von den Kunst-Anstrengungen ermüdet, lässt man sich gerne verführen: Schlaflieder und Schilcher-Sturm sind vielleicht nicht die schlechteste Kombination, sich in eine eigene, schöne "zweite Welt" fortzuträumen.
















