Blues für spastische Robos
Angenehm hüllt den Betrachter die Samtstimme von Vesna Petkovic ein. Leider singt sie in Serbisch. Ebenso hermetisch ist Darrel Toulons "Upper Room".

Foto © Werner Kmetitsch/Oper GrazDarrel Toulons "Upper Room"
Aber ehe die Mühen der Verständlichkeit des jüngsten Tanzstückes des Kompagniechefs in der Ausweichbühne im "Wilden Mann" anheben, irritiert die Unwirtlichkeit der Location.
Keine gesicherte Garderobe gibt es. Dem Saal fehlen Lüftung oder Klimatisierung, sodass auch dem Nichttänzer der Schweiß in Bächen fließt. Auf dem Boden sind metallene Fußangeln ausgelegt, über die jeder vierte Besucher stolpert.
Die Kompagnie steht wie Hybride von Schaufensterpuppen und Robotern in blauen Pyjamahosen in grellem Licht schon auf der Bühne und ist durch blonde Mireille-Mathieu-Perücken zur Unkenntlichkeit entstellt. Toulons Choreografie liefert keinen Schlüssel, die Semantik erfahrbar zu machen.
Spastisch spielen die Tänzer vierzig Minuten lang mit den als Fenster, Türen oder Spiegel nutzbaren Metallrahmen. Dazu fährt die Elektronik den sensationellen Violinisten Boris Mihaljcic hoch zur unnötigen Akustikfolter.
Spannung nach der Halbzeit
Berichtenswert ist freilich das Positive, das sich nach der Pause in den zweiten 40 Minuten des Abends ereignet. Da wird im vielfältigen Eigenhaar, in hellen Unterkleidern oder schwarz-weißen Trainingsleiberln individueller getanzt und mehr als Bodenturnen gezeigt.
Die stimmstarke Vesna Petkovic thront auf einem Lager aus weißen Schlafzimmerkissen, alle Tänzer verfallen mehrfach in Schlafhaltungen. Digitalweckeranzeigen fliegen als Video über eine schwarze Wand. Albträume oder imaginierte Weckrufe irritieren die Ruhe und Geborgenheit Suchenden. Kurz vor dem Finale werden die schönen Tänzerinnen aus heiterem Himmel so schutzbedürftig, dass sie sich in den Sitzreihen zu Füßen des Publikums zu bergen trachten.
Dass die Kissen auch zu wild bewegter Kissenschlacht durch den Saal fliegen, erstaunt nicht.
Wie aber einzelne Kissen plötzlich wie zum Ersticken von Konkurrenten/Konkurrentinnen missbraucht werden, frappiert.
Aus der konzentriert agierenden Kompagnie herausragend sind die Neuzugänge: Attraktiv und ausdrucksintensiv ist die Afroamerikanerin Challyce Brogdon. Szenebeherrschend ihr groß gewachsener Landsmann Serge Desroches. Zart die Französin Agnes Girard, fein der Brite David Pallant, muskulös der Chinese Ruo Chen Wang.
Features
Upper Room
Tanzstück von Darrel Toulon, Studiobühne "Wilder Mann". Termine: 20., 22., 23., 24., 25., 29. September (Beginn jeweils 20 Uhr).
Karten: Tel. (0 31 6) 8000.
Zur Person
- Darrel Toulon, geboren am 31. 8. 1964 auf Dominica in der Karibik.
- Seit 2001/02 Ballettdirektor der Oper Graz.
- Projekte der Saison 2011/12:
3. Internationale Tanzgala: 10. Dezember, 20 Uhr, in der Grazer Oper.
"Deal.West.East": Uraufführung am 22. März auf der Studiobühne "Wilder Mann".
"Dido and Aeneas/DnA": Uraufführung am 24. Mai in der Grazer Oper.

















