Magie und Poesie der Handfläche
Henning Mankell ist nicht nur ein Autor von Weltruf, sondern auch ein ganz großer geistiger Nomade. Ein Gespräch über Tragödien und Träume, Umbrüche und den Brückenschlag ins Leben.

Foto © Kanizaj"Auch darin besteht das Leben: Wir träumen und setzen Träume in die Tat um. Das ist Entwicklung, Fortschritt", sagt Henning Mankell
H err Mankell, ein schon klassischer Leitsatz von Ihnen lautet, dass das Leben eine Tragödie ist. Gilt diese Sichtweise noch immer? HENNING MANKELL: Ja. Es gibt im Leben jedes Menschen jede Menge Tragödien. Man strampelt sich ab, um gewisse Ziele zu erreichen, im Beruf wie in der Liebe. Man kämpft um vieles, aber zuletzt steht man stets allein da. Die Tragödie ist ein Symbol unseres Lebens: Es geht um das Gewinnen und Verlieren, aber am Ende bleibt nichts.
Wenn wir bei dieser Metapher bleiben: In welchem Akt der Tragödie befinden Sie sich? MANKELL: Gute Frage. Gehen wir von einem Drama von Ibsen aus, das ja meist aus vier oder fünf Akten besteht: Dann befinde ich mich im letzten, der aber immer auch der längste ist. Und es gibt ja auch noch einen Epilog. Ich habe keine Furcht vor dem Tod, aber davor, dass meine Frau eines Tages zu mir kommt und sagt: "Henning, du sagst so seltsame Dinge, und du vergisst so viel." Ich habe Angst davor, meinen Geist zu verlieren. Aber ich achte auf mich, lebe vernünftig.
Kommen Vernunft und Einsicht nicht erst mit dem Alter? MANKELL: Nur bedingt. Ich habe in jungen Jahren viel Verrücktes gemacht, aber ich war auch damals vernunftbegabt. Ich glaube an die Vernunft des Menschen.
Angesichts des Weltgeschehens muss es da doch Zweifel geben? MANKELL: Natürlich. Wir leben derzeit in einer völlig irrationalen Welt. Aber auch das wird sich wieder ändern.
Stichwort Veränderung: Wie beurteilen Sie den Umbruch in Nordafrika? MANKELL: Noch ist völlig unklar, was passieren wird. Aber eines ist sicher: Es wird nie wieder, wie es war. Diese Umstürze haben gezeigt, wie wichtig dabei die neuen Kommunikationsformen sind, Internet, SMS, Facebook. Diese Technologien sind heute die Massenmedien.
Wie beurteilt man die Umstürze in Ihrer zweiten Heimat, also in Mosambik? MANKELL: Die Situation ist natürlich nicht mit Libyen oder Ägypten zu vergleichen, aber auch in Mosambik beobachten die Politiker die Vorgänge in Nordafrika sehr genau.
Bei aller Sympathie für die Umstürze: Besteht nicht auch die Gefahr, dass es zu einem Rückfall, einem Backlash kommt, weil ja mit den Diktatoren keineswegs alle Probleme weg sind: Die Armut bleibt, die Arbeitslosigkeit auch. MANKELL: Das ist denkbar. Daher gilt auch, mehr denn je, dass wir, also Europa, diese Menschen jetzt unterstützen. Und ihnen helfen, wo wir nur können.
Diesem Ja zur Hilfe steht entgegen, dass Dänemark das Schengen-Abkommen aussetzen und wieder Grenzen einführen will - wegen der Nordafrika-Flüchtlinge. Auch Schweden begrüßt das. Was sagen Sie dazu? MANKELL: Ich werde oft gefragt, was für mich das Zentrum Europas sei. Jetzt könnte man sagen: Wien, wegen der Musik. Paris, wegen der Künste. Oder London, wegen der Ökonomie. Ich bin ganz anderer Meinung: Für mich ist das symbolische Zentrum Europas die Insel Lampedusa mit den Flüchtlingsströmen und Zuwanderern. Wir vergessen völlig, dass vor einigen Jahrhunderten fast alle von uns Zuwanderer, Emigranten, Immigranten gewesen sind. Viele gingen nach Amerika, sie hofften auf ein besseres Leben. Europa darf seine Geschichte nicht vergessen, auch nicht, dass wir diese Zuwanderer brauchen. Dieses Problem zu lösen ist die große Aufgabe von Europa.
Was wäre ein Lösungsansatz? MANKELL: Der Bau einer Brücke, von Gibraltar nach Afrika. Bezahlt von allen Ländern Europas. Das wäre wunderbar.
Das klingt nach einem Traum. MANKELL: Mag sein. Aber auch darin besteht das Leben: Wir träumen und setzen Träume in die Tat um. Das ist Entwicklung, Fortschritt: Träumen - und umsetzen. Wir müssen auch den Menschen in den ärmeren Ländern dabei helfen, ihre Träume zu realisieren. Es müssen nicht immer große Träume sein.
Was ist mit den Albträumen? MANKELL: Ich erzähle Ihnen von einem Albtraum, der mich sehr real erwischt hat. Auch um zu erklären, das ich nicht nur ein Fan von Facebook und Co. bin. Irgendwer in Schweden hat unter meinem Namen auf Facebook furchtbare Artikel veröffentlicht. Er hat meinen Namen gekidnappt und missbraucht. Zum Glück haben die Facebook-Leute rasch reagiert. Ich glaube, wir werden bald wissen, wer dahintersteckt. Und dann werde ich mit großer Freude veröffentlichen, wer das war, mit Namen, Anschrift und allen Daten.
Berühmt zu sein ist wohl nicht immer leicht? MANKELL: Nicht immer, es gibt aber viele nette Menschen, die mich ansprechen. Nur einmal wurde ich richtig attackiert.
In Schweden? MANKELL: Nein, in Paris, als irgendwelche Rassisten auf mich losgingen. Die Sache verlief relativ glimpflich. Ich bin grundsätzlich eher öffentlichkeitsscheu, wir leben auch in Schweden sehr zurückgezogen, in der Nähe von Göteborg. Aber ich bitte um Verständnis: Über meine Familie möchte ich nicht sprechen.
Andere Berühmtheiten müssen das derzeit sehr ausführlich tun: Dominique Strauss-Kahn und Arnold Schwarzenegger etwa. Was fällt Ihnen dazu ein? MANKELL: Offenbar gibt es immer wieder Menschen, die nicht mit ihrem Kopf, sondern mit einem anderen Körperteil denken. Ich kann mir nicht vorstellen, was in solchen Männern vorgeht. Es ist mir wirklich völlig fremd.
Das heißt: Sie sind kein Mann? MANKELL: Vielleicht (lacht).
Stimmt es, dass sich durch Ihre Afrika-Aufenthalte nicht nur Ihre Denk-, sondern auch ihre Schreibweise völlig verändert hat? MANKELL: Absolut. Das europäische Erzählen ist linear, mit einem klaren Beginn und einem klaren, oft sehr früh fixierten Schluss. Die Geschichtenerzähler in Afrika springen hingegen einmal dahin, einmal dorthin, sie springen vorwärts, zurück, und trotzdem entsteht daraus am Ende eine wunderbare, schlüssige Geschichte. Ich habe dort die Freiheit des Erzählens erlernt. Das heißt natürlich nicht, dass nicht auch die europäische Erzählweise wunderbare Aspekte hat. Aber letztlich geht es auch hier um die Durchmischung.
Sich beim Schreiben zu wiederholen, sei der Tod des Erzählens, sagten Sie einmal. Da scheint Ihnen diese Art von Dichtung also eine große Hilfe zu sein? MANKELL: Auf jeden Fall. Ich nenne Ihnen dazu ein Beispiel, das eigentlich nichts mit Literatur zu tun hat, aber doch sehr poetisch ist. Fragt man hier in Europa einen Menschen, den man länger nicht gesehen hat, wie groß denn sein Kind mittlerweile sei, zeigt er die ungefähre Größe des Kindes - mit der Handfläche nach unten. In Afrika heben die Menschen auch die Hand - aber sie drehen die Handfläche um, führen sie nach oben und signalisieren damit: Es wächst und wächst.
Zwangsläufige Schlussfrage: Folgt noch ein Wallander-Krimi?
MANKELL: Die Antwort lautet: Nein. Diese Sache ist endgültig abgeschlossen.
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Fakten
Henning Mankell, geboren am 3. Februar 1948 in Stockholm, wuchs in Härjedalen bei seinem Vater auf. Seit 1968 als Regisseur und Schriftsteller tätig.
Weltruhm erlangte er mit den "Wallander"-Krimis, er schrieb aber auch rund 40 weitere Romane und Theaterstücke.
Familie: Vier Söhne. In dritter Ehe mit Eva Bergman verheiratet, Tochter von Ingmar Bergman.
















