Gekenterte Humanität
Ein humanes SOS-Signal aus dem Theater. Das Grazer Schauspielhaus versucht mit "Boat People", Unfassbares halbwegs fassbar zu machen.

Foto © PETER MANNINGER "Eine Reise fürs Leben": Probenfoto aus dem Flüchtlingsdrama "Boat People" mit Jan Thümer
Es war eine Reise ins Herz der europäischen Finsternis, mit einigen tief berührenden Lichtpunkten. Drei Tage lang weilten Akteure des Schauspielhauses Graz auf der Insel Lampedusa, die mittlerweile Inbegriff entsetzlicher realer Dramen ist. Täglich stranden dort Flüchtlingsscharen aus Nordafrika, nicht ahnend, dass ihre Odyssee kein Ende, sondern oft schauderhafte Fortsetzung findet.
"Boat People" nennt sich das Projekt des Schauspielhauses, das jeglichen herkömmlichen Theaterbegriff angesichts der Wirklichkeit versenkt. Weil es versucht, Unfassbares halbwegs fassbar zu machen und ein SOS-Signal abzusetzen.
Das Werk wird morgen auf der Probebühne uraufgeführt. Es ist Bestandteil des großen Theaterfestivals "Emergency Entrance", das im Jänner 2012 in Graz stattfinden und aus unterschiedlichsten Sichtweisen zu diesen Tragödien im Mittelmeer Positionen beziehen wird.
Initiiert wurde dieses wichtige Großvorhaben über das Kentern der Humanität von der Chefdramaturgin des Schauspielhauses, Regina Guhl. Die Reise nach Lampedusa, die mitgefilmten Gespräche der Akteure mit Flüchtlingen, mit Helfern, mit dem Bürgermeister, die Besuche in den Aufnahmelagern werden in die Aufführung integriert, die sich als "work in progress" versteht.
Eindrücke
"Es war für uns alle eine Reise fürs Leben", sagt Regina Guhl, die sich zutiefst beeindruckt zeigt von der Hilfsbereitschaft der Inselbewohner: "Sie gehen mit ihren Kindern in die Lager, haben Kisten voll Kleidung und Spielzeug dabei, reden mit den Frauen, lassen die Kinder spielen" Aber das ist nur ein Prolog zu einem unbekannten, oft skandalösen Schicksal, zu einer politischen und sozialen Bankrotterklärung.
Auf das Publikum wartet mit "Boat People" jedenfalls eine unbequeme, beklemmende, aber auch bedeutsame Konfrontation. Möge dabei auch so manches Misstrauen oder Vorurteil Schiffbruch erleiden.
















