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Zuletzt aktualisiert: 15.05.2011 um 13:22 UhrKommentare

Das Leben danach

Zwei Wochen Bettelverbot in Graz sind vor allem für die Menschen in Hostice schmerzlich spürbar. Ein Besuch in dem kleinen slowakischen Tausendseelendorf, das vor allem als Heimat der Grazer Bettler bekannt wrude.

Keine Hoffnung: Geza Radics blickt mit seiner Familie in eine düstere Zukunft

Foto © Markus LeodolterKeine Hoffnung: Geza Radics blickt mit seiner Familie in eine düstere Zukunft

Geza Radics schämt sich. Für das Haus ohne Tür mit undichten Fenstern und einer Badewanne im Garten. Dafür, seine Kinder nicht mehr in den Kindergarten schicken zu können. Er schämt sich, blickt verstohlen auf den Boden, auf das verbogene Gartentor, das leise vor sich hin rostet und das er trotz Scham geöffnet hat. "Weil ich zeigen möchte, wie meine Zukunft aussieht. Wie ausweglos es hier ist."

Hier, das ist Hostice. Das kleine slowakische Tausendseelendorf an der ungarischen Grenze, das vor allem als Heimat der Grazer Bettler und durch Wolfgang Puchers Engagement bekannt wurde. Vor der Wende war der Ort inmitten der Gemeinde Rimavska Sobota ein landwirtschaftliches Eldorado. Großbetriebe boten Arbeit für jedermann. Langsam verfallende schöne Häuserfassaden und große unbewirtschaftete Äcker sind stumme Zeugen "der goldenen Zeiten vor der Demokratie", wie die Bewohner von Hostice erzählen. Viele Betriebe mussten schließen. Der Begriff Arbeitslosigkeit fand Eingang in das Vokabular der Bewohner. Heute liegt die Arbeitslosenquote im Bezirk bei 36 Prozent - in Hostice selbst sind 351 der 566 Menschen im erwerbsfähigen Alter beim Arbeitsamt gemeldet.

Der erste Bettler von Graz

Auch Alexander Berki, 48 Jahre alt, war vor den großen Umbrüchen landwirtschaftlicher Maschinist. Nach jahrelanger vergeblicher Arbeitssuche fuhr er eines Tages mit seinem Bruder nach Graz, setzte sich auf den Hauptlatz und wurde "zum ersten Bettler von Graz". - "Mit dem Geld und der Hilfe von Pfarrer Pucher konnte ich meinen beiden Kindern eine Schulausbildung ermöglichen und mein Haus einrichten." Stolz zeigt er eine einfache Sitzecke in der Küche, einen kleinen Fernseher, eine Wohnzimmerwand und die Fotos seiner Kinder, die in hübsch verzierten Rahmen in der ganzen Wohnung zu sehen sind. "Arm zu sein bedeutet ja nicht, im Schmutz leben zu müssen." Momentan lebt Berki gemeinsam mit seiner Frau von knapp 200 Euro Sozialhilfe, die am Elften des Monats längst verbraucht sind (die Preise für Grundnahrungsmittel wurden vor einem Jahr angehoben und liegen fast so hoch wie in Österreich). Die nächste Zahlung gibt es erst in sieben Tagen. "Entweder ich hungere oder ich beginne langsam, die Möbel zu verkaufen. Lebensmittel sind das Wichtigste."

Wenige Meter weiter wartet Angela Varadi in einer der Sozialwohnungen, die ebenfalls von der Vinzenzgemeinschaft erbaut wurden, auf ihren Mann. 40 Quadratmeter für fünf Personen. Zwölf Familien leben in der kiwigrünen "Gettosiedlung", wie sie von den Roma selbst genannt wird. "Mein Mann ist trotz des Bettelverbots in Graz geblieben", erzählt sie. "Er verkauft Straßenzeitungen." Wann er zurückkomme? "Wenn er genug Geld hat." 80 Euro braucht er für die Heimreise. 80 Euro zusätzlich braucht aber auch die fünfköpfige Familie, um über die Runden zu kommen. "Ich weiß gar nicht, ob er so viel bekommt", ist Varadi verzweifelt. "Aber was sollen wir sonst machen?"

Seit dem Jahr 2010 dürfen Sozialhilfeempfänger in der Slowakei nichts mehr dazuverdienen. Die einzige legale Möglichkeit ist die gemeinnützige Arbeit, die Bürgermeister Frantisek Racz in Auftrag gibt. Derzeit wird in Hostice eine Bushaltestelle gebaut. Aber auch zum Rasenmähen am Friedhof, Müllsammeln, Straßenkehren oder Kleidersortieren im Vinzimarkt werden die Menschen eingesetzt. 63 Euro gibt es dafür zusätzlich im Monat. Ein Tropfen auf den heißen Stein. "Aber zumindest Beschäftigung, um über den Tag zu kommen", wie Frantisek, ehemaliger Sozialarbeiter, betont.

Wenig Chance ohne Ausbildung

Er selbst habe das Glück gehabt, noch vor der Wende eine Ausbildung zu machen. Verließ als junger Mann Hostice und verdiente als Soldat gutes Geld. Viele der Bewohner von Hostice hätten jedoch keine Ausbildung, was die Arbeitssuche erschwere. Das Betteln sei eine Möglichkeit gewesen, um überleben zu können. Mit dem Bettelverbot werde die Situation noch schwieriger. "Man kann das Problem nur mit der Schaffung von Arbeitsplätzen lösen. Doch ohne fremde Hilfe schaffen wir das nicht." Fünf Jahre steuerfreies Wirtschaften und billige Grundstücke - diese Zuckerln der slowakischen Regierung haben nicht geholfen, neue Betriebe anzusiedeln. Frantisek setzt deshalb, mit Jobs wie bei Saubermacher oder einer Grazer Tischlerei, auf die Vinzenzgemeinschaft. Der Hoffnungsschimmer hinter dem Ortsschild von Hostice: "Wir bitten die Grazer, uns nicht zu vergessen."

Heike Krusch

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