Eigene Sprache für die Sänger finden
Burgtheaterdirektor Matthias Hartmann inszeniert an der Grazer Oper "Lady Macbeth von Mzensk" von Schostakowitsch als Koproduktion mit der Wiener Staatsoper.

Foto © KMETITSCHMatthias Hartmann probt in Graz mit Mlada Khudoley (Katerina) und Herbert Lippert (Sergej, links) für Dmitri Schostakowitschs Oper "Lady Macbeth von Mzensk"
S ie haben erst 2003 erstmals eine Oper inszeniert, die "Verkaufte Braut" von Smetana in Zürich. Hat Sie die Musiktheaterregie zuvor nicht interessiert?
MATTHIAS HARTMANN: Ich bin ein sehr musikalischer Mensch, habe in meiner ganzen Kindheit ausschließlich Musik gemacht. Allerdings haben meine Eltern mich zur klassischen Musik gezwungen. In meiner Jugend habe ich mich dann völlig abgewendet, wollte Herbert Grönemeyer werden. Alexander Pereira hat mich zur "Verkauften Braut" überredet und Gérard Mortier hat mich danach sofort nach Paris geschleppt. So bin ich mit dem großen Luxus ausgestattet, lernen zu dürfen, während ich inszeniere.
Welche grundsätzlichen Unterschiede gibt es in der Schauspiel- und der Opernregie?
HARTMANN: Meine Arbeit ist sehr prozesshaft und auf den Menschen konzentriert. Das hat bei der Oper für einige Verwirrung gesorgt. Schauspieler sind viel autonomer, Sänger wollen gesagt bekommen, wo sie stehen und gehen, was sie tun und denken.
In Ihrer 2009 an der Wiener Staatsoper herausgebrachten Inszenierung von Schostakowitschs "Lady Macbeth von Mzensk" liegt eine umgestürzte Büste von Josef Stalin an der Rampe. Geht es Ihnen also auch um ein Sittenbild aus der Entstehungszeit der im 19. Jahrhundert spielenden Oper?
HARTMANN: Durchaus. Das Verhältnis zwischen dem Komponisten und Stalin hat ja zu einem Knacks in seiner Biografie geführt. Deswegen haben wir Stalin flachgelegt. Boris kuschelt sich im Sterben an ihn ran. Er wird auch sonst gelegentlich angespielt: Das Gift für die Ratten ist in seinem Kopf - eine willkommene Assoziation.
Ist die Zeit, in der das Stück spielt, für Sie wichtig?
HARTMANN: Ich bin in der Zeit geblieben. Ich verstehe Regisseure, die Lust haben, das tradierte Material in andere Zeitzusammenhänge zu stellen. Vor allem Opernregisseure suchen so Traversen in Interpretationsräume unserer Zeit. Ich mache das eigentlich nie. Ich arbeite aber immer mit abstrakten Bühnenbildern und versuche, in die Vorstellungsräume der Zuschauer vorzudringen.
Schostakowitsch erklärte, dass er seine Mörderin, die Titelheldin, in Schutz nehmen wollte, weil sie ein Opfer der Gesellschaft sei. Teilen Sie seinen Standpunkt?
HARTMANN: Nein, ich kann keinen Mörder in Schutz nehmen, auch wenn ich alle Motive in Summe als entlastendes Material zur Verfügung hätte. Das Böse gibt es, es ist in uns. Ich habe kein Mitleid mit ihr gehabt, ich wollte nur die Umstände beschreiben, die dazu führen, dass sie so ist.
In den Kritiken für Ihre Wiener "Lady Macbeth"-Regie war von einer "manierlichen Burgtheater-direktorenästhetik" zu lesen.
HARTMANN: Als ich Direktor in Bochum war, habe ich damit aufgehört, Kritiken zu lesen, weil es mich zu sehr verletzt.
Wie viel Probenzeit konnten Sie in Graz verbringen?
HARTMANN: Nicht so viel, wie ich wünschte. Aber ich habe einen sehr guten Assistenten, Wolfgang Schilly von der Wiener Staatsoper, der die Vorarbeit gemacht hat, und ich kam dann für den psychologischen Feinschliff.
Wie groß ist der Freiraum, den Sie dem Assistenten gewähren? Muss er Ihre Inszenierung klonen?
HARTMANN: Er ist dafür da, die Aufführung gewissenhaft umzusetzen und ich komme dann, um zu sehen, ob das Verhältnis noch stimmt, um es zu einer eigenen Sprache für die Sänger werden zu lassen. INTERVIEW:
ERNST NAREDI-RAINER
Features
Fakten
Matthias Hartmann, geboren am 27. Juni 1963 in Osnabrück.
1990: Künstlerischer Leiter und Hausregisseur in Hannover.
2000-2005: Intendant des Schauspielhauses Bochum.
2003: Erste Opernregie - "Die verkaufte Braut" in Zürich.
2005-2009: Intendant des Schauspielhauses Zürich.
Seit 2009: Direktor des Wiener Burgtheaters.
2009: Debüt an der Wiener Staatsoper ("Lady Macbeth").
















