Die Liebe zum alten Drogenbaron
Von der Universität in Graz in die Carnegie Hall in New York: Lautenistin Christina Pluhar legt mit Claudio Monteverdis "Marienvesper" erneut ein Glanzstück vor.

Foto © virgin classicsLautenistin Christina Pluhar
Ein Geständnis vorweg: Ich bin drogensüchtig. Meine Droge heißt Monteverdi. Mit 18 nahm ich eine Großpackung davon, seine "Marienvesper". Ich sang im Chor Altus, und nach dem Magnificat-Finale zitterten meine Knie, Higher war ich nie.
"Gute Musik hat nur ein Ziel: die Seele zu rühren", sagte der Meister aus Mantua. Als musikalischer Drogenhändler rührt und verführt mich Claudio Monteverdi seit damals immer wieder: Mit der Platte "Vespro della Beata Vergine" von Jürgen Jürgens in Händen ging ich stolzer herum als Schulfreunde mit den "Bay City Rollers". Nikolaus Harnoncourts Deutung bei der styriarte 1986 im Grazer Dom war ebenso die (passive) Renaissance des musikalischen Urerlebnisses wie Referenzaufnahmen von Jordi Savall oder Gabriel Garrido. Die Summe der Eindrücke: Wenn es im Himmel klingt, dann so.
Funkelnder Diamant
Jetzt kommt neue Seelenrührung hinzu: Christina Pluhar lässt mit "L'Arpeggiata" den Diamanten der Kirchenpolyphonie frisch funkeln. Das Werk aus 1610, das den Grundstein zur Barockmusik legte, erlaubt als imposantes Mosaik aus Motetten, Concerti und Antiphonen (Wechselgesängen) viele Spielarten.
Pluhar entschied sich für die im Barock übliche solistische Chorbesetzung und die Streichung der Antiphonen und gewinnt "ihrem" Monteverdi neue Facetten ab. Die fabelhafte Lautenistin und Harfenistin, seinerzeit als Gitarristin bei Heinz Irmler in Graz ausgebildet, gibt mit ihrem aus aller Frauen und Herren Länder prächtig besetzten Ensemble dem Solitär der Liturgiemusik einen glanzvollen Schliff.
Mit der Vesper setzt Pluhar ihrer Liebe zu Claudio M. eine weiteren schönen Akt hinzu. In ihrem "Teatro d'amore" hatte die in Paris lebende Grazerin ja vor exakt zwei Jahren schon den Vorhang gelüftet für einen "etwas anderen" Monteverdi, in dem etwa der grandiose Countertenor Philippe Jaroussky das "Ohimé, ch'io" zu einem launigen Jazzsong mit Blue Notes und Walking Bass verwandeln durfte.
Pluhar feiert nicht erst seit ihrem Echo-Preis 2010 für ihr madrigaleskes "Liebestheater" Erfolge in aller Welt. Vor zwei Wochen debütierte sie in Los Angeles, und 2012 ist sie in eine wahre Weihestätte der Klassik eingeladen, in die Carnegie Hall in New York. Wer nicht so lang warten möchte, kann ja am 11. und 12. Februar nach Hamburg fahren und die Ohren spitzen. Dort jammt die freigeistige 45-Jährige mit ihrer Smallband zusammen mit dem schwedischen Ausnahmeposaunisten Nils Landgren und der NDR-Bigband. Heiße Coverversionen von Purcell und Kapsberger sind garantiert. Und von Monteverdi natürlich, dem alten Drogenbaron.
Features
Zur Person
Christina
Pluhar, geboren 1965 in Graz.
Studium Harfe und Barockgitarre in Den Haag und Basel, Tripelharfe in Mailand. Seit 1999 Harfen-Professorin in Den Haag.
Gründung ihres Ensembles "L'Arpeggiata" im Jahr 2000.
Lebt in Paris.
arpeggiata.com













