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Zuletzt aktualisiert: 23.01.2011 um 21:49 UhrKommentare

Einsamkeit im Sterben

Als scharfe Attacke auf die Vergnügungssucht der Spaßgesellschaft hat Peter Konwitschny in seiner elften Regiearbeit an der Grazer Oper Giuseppe Verdis "La Traviata" in Szene gesetzt.

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In den letzten Jahren in der Grazer Oper nur mit drei Remakes vertreten, zeigt Peter Konwitschny nun mit seiner einhellig akklamierten Neuinszenierung von Giuseppe Verdis "La Traviata", dass ihm seine Theaterpranke nicht abhandengekommen ist.

Mit radikalem Zugriff setzt er seine Deutung des Werks in Szene. Konwitschny reitet eine scharfe Attacke gegen die Vergnügungssucht der Spaßgesellschaft. Er unterstellt deren Vertretern auf der Bühne, dass sie voyeuristisch die Krankheit und das Sterben der Kurtisane beobachten und sie mit einem schüchternen Verehrer verkuppeln, um sich über beide lustig machen zu können. Alfredo tritt deshalb als linkischer, stets unpassend gekleideter Außenseiter, als Bücherwurm, in Erscheinung.

Ausgefeilte Regie

Weil Konwitschny die heutige Gesellschaft im Visier hat, streicht er die Hinweise auf das Duell zwischen Alfred und Baron Douphol. Andererseits nimmt Vater Germont zu seinem Besuch bei Violetta seine Tochter mit - eine Halbwüchsige, deren geplante Verheiratung ihn in ein noch schlechteres Licht rückt. Das widerspricht zwar Francesco Maria Piaves Libretto, in dem Violetta dem Vater Alfreds aufträgt, seiner Tochter die Botschaft von ihrem Opfer zu überbringen, ermöglicht aber neue, interessante Spielmöglichkeiten.

In der ausgefeilten Personenführung liegt die Stärke der Inszenierung von Peter Konwitschny, der kein realistisches Dekor braucht, sondern in Johannes Leiackers Ausstattung mit sieben Vorhängen und einem Stuhl sein Auslangen findet. Vor allem im ersten Akt stellt er in den Chorszenen seine Meisterschaft, Massen zu bewegen, eindrucksvoll unter Beweis. Das ständige Schnippen mit Karten im Finale des zweiten Akts wirkt weniger überzeugend und das Wegrobben des Chores zu den herzzerreißenden Klängen des Vorspiels zum dritten Akt dürftig.

Konwitschny, der gerne die Macht des Regisseurs über den Komponisten herausstellt, bringt diesmal mit dem Streichen dreier großer Chorszenen die musikalische Architektur des Werks beträchtlich ins Wanken.

Starkes Bild

Er richtet damit und mit dem Verzicht auf eine Pause den Fokus stärker auf das Schicksal der Titelheldin, die er einsam auf der großen Bühne in den Tod gehen lässt - ein starkes Bild, das aber ein wenig geschwächt wird, weil der Auftritt der vier übrigen Protagonisten im Zuschauerraum die Aufmerksamkeit des Publikums ablenkt.

Konwitschnys Inszenierung geht vor allem deshalb unter die Haut, weil ihm mit der Rollendebütantin Marlis Petersen eine grandiose Singschauspielerin als Violetta zur Verfügung steht. Prädestinieren sie auch weder ihr Timbre noch ihr Gesangsstil für die Titelpartie, so erzielt sie doch mit ihrer berührenden Ausdruckskraft und dem Verzicht auf vokale Brillanz stärkste Wirkung.

Sehr kultiviert, aber etwas neutral singt Giuseppe Varano den Alfredo. James Rutherford, der im Herbst in Graz zur Saisoneröffnung sein Rollendebüt als Jago im "Otello" geben wird, hat ein wenig Mühe mit den Höhen eines Verdi-Baritons.

Tecwyn Evans schlägt am Pult der verhalten musizierenden Grazer Philharmoniker nicht immer ideale Tempi an und vertraut trotz hörbarer Sorgfalt unseliger Aufführungstradition: Verdi lässt das Vorspiel zum Trinklied piano intonieren, weil Alfred noch überlegt - es forte vorzutragen, unterläuft diese Absicht.

ERNST NAREDI-RAINER

Pressestimmen

Eine Prostituierte als Gegenbild zur Event-Gesellschaft. Mit der Thematisierung des Theaters macht Konwitschny wieder einmal die Haltung des Publikums zum Thema. Deutschlandfunk

So radikal, so bezwingend, so gnadenlos, so brutal war das Schicksal der Edel-Kurtisane Violetta Valery noch selten auf einer Bühne zu sehen. Kurier

Konwitschny und sein Ensemble sind nicht vom Weg abgekommen zu einer konzentrierten, intelligenten, musikalischen Deutung. Die Presse

Diese "Traviata" in Graz trifft einen voll. Salzburger Nachrichten

Marlis Petersen verbindet existenzielles Leiden mit exzellentem Gesang und beherrscht einen intimen Tonfall ebenso wie mit unerschöpflichen Reserven erfüllte Dramatik. Der Standard

Die Oper hat eine neue Violetta Valery. Marlis Petersen singt die Titelpartie in Verdis "La Traviata" an der Oper in Graz. Doch singen ist ein viel zu geringes Wort. Diese Violetta rührt zu Tränen und ist doch auch größte Freude. Der Mensch, der ihr dies ermöglicht, heißt Peter Konwitschny. Süddeutsche Zeitung

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