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    Zuletzt aktualisiert: 21.01.2011 um 19:21 UhrKommentare

    Das Warten auf die Katastrophe

    Peter Konwitschny setzt an der Grazer Oper erstmals Verdis "La Traviata" in Szene. Folgen werden in Graz "Pique Dame" und Goethes "Faust".

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    Sie inszenieren zum ersten Mal "La Traviata". Worin besteht für Sie der Reiz dieser Oper?

    PETER KONWITSCHNY: Im Thema und in der Musik. Hier sagt uns eine Prostituierte, was Menschsein bedeutet. Sie ist der einzige Mensch, während die Männer unzurechnungsfähig sind. Alfredo ist infantil, sein Vater denkt, dass er mit so einer Nutte gleich fertig werden kann. Die Gesellschaft ist eine Spaßgesellschaft, die nur auf die Katastrophe wartet. Verdi ergreift hier eindeutig Partei für das Opfer. Und die Musik finde ich unübertroffen.

    Worum geht es in diesem Werk?

    KONWITSCHNY: Es ist keine Liebesgeschichte, es ist die Geschichte eines Menschen, der erfährt, dass er nur noch kurz zu leben hat.

    Wie sehen Sie Violetta?

    KONWITSCHNY: Ich würde sie mir nicht entgehen lassen. Das ist eine tolle Frau, hochgebildet, sie hat Würde und Geist. Sie ist eine Superprostituierte, aber auch eine Frau, die nicht sterben will.

    Welche unterschiedlichen Erwartungen an die Beziehung haben Violetta und Alfredo?

    KONWITSCHNY: Sie erwartet sich noch mehr Leben, eine andere Qualität, mehr Liebe. Sie will kein Objekt mehr sein, sondern ein Subjekt. Alfredos Status ist, dass er mit dieser Superfrau zusammen ist.

    Der Vater spielt in dieser Oper eine wichtige Rolle.

    KONWITSCHNY: Der Vater ist ein wohlanständiger Bürger mit Doppelmoral. Er denkt, ich gehe kurz zu dieser Hure, gebe ihr ein paar Scheine, und das Ganze ist in einer halben Stunde erledigt. Die Tochter muss angemessen verheiratet werden, es geht also nur um den Erhalt der verlogenen Gesellschaft. Er ist ein Übervater, der den Sohn nicht erwachsen werden lässt.

    Haben Sie die Handlung zeitlich oder örtlich fixiert?

    KONWITSCHNY: Es wäre albern, das historisch zu inszenieren. Die Bühne besteht aus sieben Vorhängen und einem Stuhl, die Kostüme sind Ende des 20. Jahrhunderts angesiedelt. Das Problem ist, dass in die Oper fast nur Besucher kommen, die nicht merken, dass 90 Prozent von dem, was auf Opernbühnen stattfindet, Schwachsinn ist. Hier geht es darum, dass jemand krank wird und sich verkaufen muss. Das wollen diese Opernfreaks nicht wissen, und das finde ich asozial.

    Sie spielen die Oper ohne Pause in einer Stunde und 45 Minuten.

    KONWITSCHNY: Es sind rund 20 Minuten gestrichen worden, und zwar Massenszenen wie der Auftritt der Stierkämpfer, der Zigeunerinnen und die Faschingsszene im letzten Akt. Das Ganze hat so einen starken Sog, der durch eine Pause unterbrochen werden würde. Ich finde es geschmacklos, wenn man mitten im Sterben dieser Frau an die Theke geht und Sekt trinkt und frisst.

    INTERVIEW: KARIN ZEHETLEITNER

    ZUR PERSON

    Peter Konwitschny, geboren am 21. 1. 1945 in Frankfurt am Main.

    1991: Debüt an der Grazer Oper ("Die verkaufte Braut").

    1995, 1998, 1999, 2000, 2001: Kür zum "Regisseur des Jahres" durch die "Opernwelt".

    2008: Chefregisseur der Oper Leipzig.

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