Mehr als 80 Stiche, die meisten nach dem Tod des Opfers
Fortsetzung im Mordprozess gegen einen Lehrer in Graz: Gerichtsmediziner Peter Leinzinger über "außergewöhnliche Eindrücke" vom Tatort.

Foto © Jürgen Fuchs
"Wir stiegen hofseitig über eine Leiter durch das Schlafzimmerfenster in die Wohnung ein. Durch die Tür konnten wir nicht. Die Leiche war so davor abgelegt worden, dass sie sich von außen nicht öffnen ließ." Peter Leinzinger erinnerte sich am Donnerstag im Grazer Straflandesgericht an den Abend des 16. November 2003. Als Gerichtsmediziner untersuchte er Bernd Antovic, dem sein Mörder mehr als 80 Stiche zugefügt hatte.
Prozess
Dieser Mord an dem Grazer Pensionisten beschäftigt das Gericht bereits lange. Im September 2004 war der Kurde Abdurrahim Polat für die Tat zu 20 Jahren Haft verurteilt worden. Fast fünf Jahre später aber bezichtigte Polat den Grazer Lehrer Johann W., seine Vertrauensperson, der wahre Mörder zu sein. Er, Polat, habe die Tat nur für Geld auf sich genommen. Polat nahm sich später das Leben, nun sitzt Johann W. auf der Anklagebank und streitet die Vorwürfe ab.
Mehr als 80 Stiche mit drei Küchenmessern - welche davon waren tödlich? "Ein Stich durch das Halsmark", erklärt Leinzinger. "Auch der Blutverlust wird zum Tod geführt haben. Doch der Großteil der Verletzungen wurden dem Opfer zugefügt, als es bereits tot war."
Einiges ist außergewöhnlich: Der Daumen war abgetrennt und in den Mund gesteckt; die Leiche mit einer Türklinke geschändet. Es hatte einen Kampf gegeben zwischen Opfer und Mörder, doch "die Unordnung wirkte auf mich künstlich, so, als wäre sie inszeniert worden", meint Leinzinger. Faktum ist: An der Kleidung Polats klebte Blut des Opfers. Doch der Gerichtsmediziner hätte sich mehr erwartet, sagt er.
War der Beschuldigte Johan W. der Anstifter und eigentliche Täter, wie die Anklage glaubt? Der 56-Jährige ist Zeuge Jehovas und religiöser Fanatiker, darin liege das Motiv. Bernd Antovic habe Polat, den der Lehrer zu seinem Glauben bekehren wollte, durch Alkoholexzesse immer wieder von diesem Weg abgebracht.
Um den religiösen Fanatismus des Angeklagten ging es gestern in weiteren Zeugeneinvernahmen. Der Prozess wurde vertagt.















