Gefangen in den Netzen der Leidenschaft
Einen mächtigen Buh-Chor gegen das Regieteam und differenzierten Jubel für die Sänger erntete in der Grazer Oper die Premiere des "Don Giovanni" von Wolfgang Amadeus Mozart.

Foto © Oper Graz/Werner KmetitschIn einem Gefängnis ist die Grazer Inszenierung von Mozarts "Don Giovanni" angesiedelt
Das Ende steht am Anfang. Wenn sich der Vorhang öffnet, ertönt - vom Band - das abschließende Sextett. An einer langen Tafel sitzen die Überlebenden, gelangweilt und verloren. Ihnen fehlt jetzt das Zentrum ihres Lebens - Don Giovanni.
Der Schlussakkord des Finales fällt zusammen mit dem ersten - nun live musizierten - d-Moll-Akkord der Ouvertüre. Die Protagonisten taumeln zu Boden, um sich später wieder zu fast somnambulem Tun zu erheben. Die eigentliche Handlung beginnt -als Rückblende, aber auch als Neuanfang eines sich immer wiederholenden, an Sisyphus gemahnenden Treibens.
Projektionsfläche
Johannes Erath heftet sich in seiner Neuinszenierung von Mozarts "Don Giovanni" auf die Spuren des Mythos, zeigt Giovanni weniger als realen Frauenhelden, sondern vielmehr als Projektionsfläche und damit als männliches Pendant zu Alban Bergs "Lulu", die er im April an der Grazer Oper in Szene gesetzt hatte.
Wie damals kann er sich auch jetzt Eingriffe in die Partitur nicht verkneifen: Das Finalsextett steht am Anfang, am Ende holt Don Ottavio, der in dieser Inszenierung Don Giovanni erschießt, seine Arie aus dem 1. Akt nach. Nicht die Braut selbst, sondern ihre Gefährtinnen beantworten Giovannis Frage nach Zerlinas Namen und im Menuett des ersten Finales kommt der Chor zu einem von Mozart nicht komponierten Einsatz.
Erath, dessen Regie nicht das Niveau der Grazer Vorgängerinszenierungen von Harry Kupfer, Axel Corti und Christof Loy erreicht, ließ sich, um der Realität zu entfliehen, von Stefan Heinrichs ein Gefängnis als Einheitsbühnenbild entwerfen: Alle sind Gefangene ihrer Leidenschaften. Sein in der Personenführung penibel ausgearbeitetes, nur einer Albtraumlogik folgendes und mit Sex nicht sparsam umgehendes Regiekonzept, das häufig Doubles mit einbezieht und mit der Verwendung einer Klomuschel als Ersatz für die Friedhofsstatue des Komturs die Grenzen des guten Geschmacks überschreitet, geht aber nicht auf, weil es seinem Titelhelden nicht gelingt, als Gravitationszentrum der Gefühle aller Beteiligten in Erscheinung zu treten.
Keine Ausstrahlung
Boaz Daniel, dessen viriler Bariton just in den Arien Unsicherheiten zeigt, fehlt es an Persönlichkeit und Bühnencharisma, um Giovannis Aura zu vermitteln. Gal James kämpft als Donna Anna mit den Höhen ihrer Partie, Margareta Klobuar neigt als Donna Elvira zu stimmlichen Schärfen, während Sieglinde Feldhofer als Zerlina kaum Wünsche offen lässt. Wuchtig orgelt Konstantin Sfiris den Komtur, markig singt Alik Abdukayumov den Leporello. Wilfried Zelinka verwandelt den Masetto vom Tölpel zum nimmermüden Liebhaber und Antonio Poli beschert in der von Hendrik Vestmann straff dirigierten Aufführung mit Don Ottavios "Il mio tesoro" den vokalen Höhepunkt des Abends.


















