Mordprozess: "Seltsame Post aus Istanbul"
Der zweite Tag im Mordprozess gegen den Grazer Lehrer Johann W. bringt viele Zeugenaussagen und einen Zeugen, auf den der Vorsitzende verzichten will.

Foto © FuchsBereits zum dritten Mal ist am Montag im Grazer Straflandesgericht der im November 2003 verübte Mord an einem Pensionisten verhandelt worden.
Ein enormes Programm hat sich der Vorsitzende Richter Erik Nauta für den zweiten Verhandlungstag im Mordprozess gegen den Grazer Lehrer Johann W. (56) vorgenommen. 40 Zeugen sind geladen. Der Tag beginnt gleich - mit einer Verzögerung.
Staatsanwältin Barbara Schwarz händigt den Geschworenen das Zeitdiagramm aus, das die Kriminalpolizei zum Mord an dem Grazer Pensionisten im Jahr 2003 erstellt hat. Verteidiger Gerald Ruhri reklamiert eine seiner Meinung nach fehlerhafte Zeitangabe, und Richter Erik Nauta sammelt die Papiere daraufhin wieder ein: "Ich werde das erst einmal in Ruhe durchlesen."
Intelligenter Täter
Danach stellt die Anklägerin den Antrag, auch den Kriminalpsychologen und Profiler Thomas Müller zu laden. Er hat aus der Analyse des Tatortes, speziell aus dem Verwischen der Spuren, auf einen "planvoll vorgehenden, intelligenten" Täter geschlossen. Diese Eigenschaften passen besser auf einen AHS-Lehrer als auf den kurdischen Asylwerber Abdurrahim Polat, der für diesen Mord verurteilt wurde, zum Tatzeitpunkt aber Analphabet war.
Die Verteidigung ist gegen den Zeugen. Und auch der Vorsitzende diktiert seine "Vorbehalte" gegen Müller. Der Profiler hat in der ersten Verhandlung gegen Johann W. im Mai einerseits von einem "Overkill aus Wut und Hass" gesprochen, andererseits launig gemeint: "Wissen Sie, einer, der noch nie daran gedacht hat, einen anderen umzubringen, der ist mir suspekt."
Für den Vorsitzenden ist das "unwissenschaftlich und manipulativ". Die Entscheidung, ob Müller dennoch geladen wird, wird der Richtersenat gemeinsam treffen - später.
Mit Verspätung kommen die Zeugen dran, und schon der erste hält noch weiter auf. Denn der Gerichtsdolmetsch für Türkisch erzählt Interessantes von einem Brief, den ihm Polat vor Jahren aus der Haft geschrieben hat. Darin wurde Johann W. belastet. In einem weiteren Schreiben nahm Polat alles wieder zurück.
Eine von ihm übersetzte "eidesstattliche Erklärung" aus Istanbul, in der der Bruder Polats behauptet, Abdurrahim habe ihm den Mord gestanden und den Lehrer fälschlich belastet, fand der Dolmetsch "eigenartig". Das Dokument erwies sich inzwischen als Fälschung. Ein Zeuge aus der Karlau sagt, Polat habe W., der ihn zuvor oft besucht hat, vor seinem Selbstmord nicht mehr sehen wollen: "Ich glaube, er hatte Angst vor ihm."
Heute sind Gerichtspsychiater Reinhard Haller und weitere Gutachter am Wort. Die Entscheidung, ob Profiler Müller doch noch gehört wird, trifft der Senat nach diesen Aussagen. Das Urteil fällt wohl frühestens Freitag.


















