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Zuletzt aktualisiert: 02.10.2010 um 23:03 UhrKommentare

Denunziert, verschleppt, interniert

Das Lager Thalerhof wurde im Ersten Weltkrieg vor allem für eine eigene Volksgruppe gebaut - die Ruthenen.

Parallel zur Ostfront des Ersten Weltkriegs gegen die Russen führte die k. u. k. Armee an der Heimatfront auch einen Krieg nach innen - gegen die eigene Zivilbevölkerung.

Denn die Spionagehysterie gegen die Ruthenen in Galizien (heute Ukraine) war enorm, schreibt Nicole-Melanie Goll im Historischen Jahrbuch der Stadt Graz, Band 40 (2010). "Misshandlungen, Massenverhaftungen, die Liquidierung vermeintlicher ,Spione' und Verräter ohne Verfahren und Urteil standen an der Tagesordnung." Die Folge war die Deportation zumeist unschuldiger Menschen ins Zivilinternierungslager Thalerhof.

"Russophilen"-Transporte

Der Thalerhof südlich von Graz hatte dem Militär schon früh als Exerzierplatz gedient. Ab 1913 fand hier auch die Fliegerausbildung statt und die Infrastruktur für eine Fliegerkaserne wurde geschaffen. Aber aufgrund der Entfernung zur Front war diese Gegend auch für andere Verwendungszwecke interessant. So trafen am 4. September 1914 im nahen Bahnhof Abtissendorf bereits die ersten "Russophilen"-Transporte aus Ostgalizien ein: Männer, Frauen und Kinder waren unter menschenunwürdigen Bedingungen in Viehwaggons zusammengepfercht quer durch die Monarchie deportiert worden - und wussten in vielen Fällen gar nicht, warum.

Sie mussten unter Bewachung zum Flugfeld marschieren, wo ein heilloses Durcheinander herrschte, denn nichts war für die Menschenmassen vorbereitet worden. Also mussten sie unter freiem Himmel auf einer eingezäunten Fläche übernachten, von Hygiene keine Spur. Dafür regnete es in Strömen. Erst am 9. September wurde ein Zeltlager errichtet, das für 2100 Personen Platz bot. Doch mussten zusätzlich noch 2000 polnische Kriegsflüchtlinge untergebracht werden. Aus Angst vor dem Ausbruch von Seuchen und weil der Flugbetrieb empfindlich gestört wurde, verlegte man das Lager an die östliche Seite des Exerzierplatzes, etwa auf Höhe des heutigen Zivilflughafens Graz-Thalerhof. Das alte Zeltlager wurde zur Isolier- und Krankenstation umfunktioniert.

Am 11. November waren schließlich 30 Holzbaracken für die Internierten vorhanden, die sie aber selbst hatten bauen müssen. Darin gab es weder Betten noch Decken, die Räume waren nur mit Stroh ausgelegt. Jetzt befanden sich bereits 6680 Menschen unter katastrophalen Verhältnissen im Lager. Doch die Leitung beschloss, die Zahl der Insassen zu verdoppeln. Noch im November brachen Bauch- und Flecktyphus aus - weit über 1000 Todesopfer waren die Folge. Bis Anfang 1915 wurde nun ein Aufnahmestopp verhängt. Bade-, Wasch- und Desinfektionsanlagen wurden errichtet, die hohe Sterblichkeit nahm wieder ab.

Ab 1916/17 ließ die Thalerhofer Untersuchungskommission viele Lagerinsassen frei, ein Großteil der Männer wurde aber zum Kriegsdienst eingezogen. Dann wurden die Lebensmittel knapp.

Die Spitze des Eisberges?

"Unser Schwein hat Besseres zum Essen bekommen als wir", schrieb eine Insassin an ihre Mutter in Galizien. Erst 1917 kam es zu einem Umdenken. Kaiser Karl I. ordnete eine Überprüfung der vielen Fälle an, in denen Menschen ohne Gerichtsverfahren am Thalerhof interniert waren. Am 3. Mai 1917 wurde das Lager geschlossen. Nur das Spital blieb in Betrieb, ab Oktober 1917 wurden hier russische und italienische Kriegsgefangene behandelt.

Zwischen 4. September 1914 und 1. September 1917 waren hier 1767 internierte Ruthenen gestorben. Die meisten wurden Opfer von Ruhr, Typhus und Cholera. In einem auf dem Friedhof Feldkirchen errichteten Karner liegen ihre sterblichen Überreste.

Das sei nur "die Spitze eines Eisberges", fürchtet Oberst a. D. Manfred Oswald, der sich seit Jahren mit dem Lager Thalerhof beschäftigt, das bei uns lange vergessen war - in der Ukraine ist es aber als KZ und Todeslager noch immer in schlechter Erinnerung.


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