Partikellieferant im Literatur-Pop
Er ist der Neue: Als Stadtschreiber bezieht der Quertexter und Zeitgeist-Zitierer Jörg Albrecht morgen in Graz Quartier.

Foto © Elisabeth Peutz
Er ist noch nicht einmal 30 und hat es in deutschen Schulbüchern bereits auf eine Seite mit Friedrich Schillers "Die Räuber" geschafft. Er selbst findet das "einfach bizarr und lustig", erzählt Jörg Albrecht, irgendwo auf dem Weg in Berlin Kreuzberg, seiner Noch-Heimat. Ab morgen bezieht der neue Grazer Stadtschreiber sein Quartier.
Die literarische Einladungsliste
Die Stadtschreiber weilen auf Einladung der Stadt Graz ein Jahr hier. Sie können ohne finanziellen Druck ihrer literarischen Tätigkeit nachgehen und sich mit der Atmosphäre und der Kulturszene der Stadt auseinandersetzen.
Bisher zu Gast: 1988 Libue Moníková, 1989 Norbert Gstrein, 1990 Angela Krauß, 1991 Anselm Glück, 1992 Gert Jonke, 1993 Franz Josef Czernin, 1994 Gundi Feyrer, 1996 Boris L. Rahmanin, 1996/2003 Devad Karahasan, 2004 Kenka Lekovich, 2005 Marua Krese, 2006 Saa Staniic, 2007 Nazár Honcar, 2008 Péter Zilahy, 2009 Fiston Mwanza.
In der Literaturszene ist er längst kein Neuling mehr. Der "Spiegel" bauchpinselte ihn schon vor vier Jahren für seinen Debütroman "Drei Herzen" wie folgt: "So wie Jörg Albrecht schreibt, schreibt keiner." Albrechts Ruf ist der eines Querdenkers und Quertexters. Sein Stil entspringt dem Zeitgeist: ist stakkatoartig, einer "Copy & Waste"-Kultur (so auch der Name des Theaterkollektivs, für das er textet) verpflichtet, Indie-Pop-lastig und gespickt mit Theoriepartikeln. "Ich will die Realität abbilden", sagt er.
Kopfhörerlastig
Seine Texte wurden im Rowohlt Theaterverlag publiziert, er war beim Bachmann-Wettlesen eingeladen oder Randnotizen-Autor beim steirischen herbst 2009. Nebenbei bloggt er - Beispiele: "Nicht auf allen Köpfen wachsen Kopfhörer noch vor der Geburt." Oder: "Alles bewegt sich. Die Wellen auf dem Herzbildschirm. Der Schnee auf dem Fernsehbildschirm. Das Testbild hinter den Lidern." Indie-zeitgeistig sind auch die fetten Hornbrillen, die Ringelshirts und Karohemden.
Nach einem Stipendium in New York verschlägt es den 29-jährigen Deutschen nun nach Graz. Für Albrecht ist diese Rückkehr schon beinahe ein Heimspiel - er absolvierte den Talentschmiede-Lehrgang Szenisches Schreiben von uniT, im Theater im Lend inszeniert. "Ich freue mich auf die Ruhe in Graz." Ruhe, die er für sein neues Buch nützen will: "Der Denkprozess ist noch nicht abgeschlossen." So viel vorweg: Es soll von Vampiren und Kapitalismus handeln, eingebettet in Theorien von Werwölfen oder Kreativwirtschaft. "Wie geht Graz mit Design um? Da geben auch die Kampagnen rund um die Design-City was her." Vorfreude? "Ja, auf den steirischen herbst - privat." Herzlich willkommen.
Hof-Übergabe der Stadtschreiber mit Lesungen von Fiston Mujila Mwanza und Jörg Albrecht. Morgen, 20 Uhr, Literaturhaus Graz. Tel. 0676 67 101 66,
www.literaturhaus-graz.at
Features
Fakten
Jörg Albrecht, geboren 1981 in Bonn, studierte Literaturwissenschaft, ist Autor und Blogger.
Bücher. "Drei Herzen", "Sternstaub, Goldfunk, Silberstreif" (Wallstein).
www.fotofix-automat.de
















