Er schickte die Briefe per Rakete
Der Grazer Erfinder Friedrich Schmiedl schoss mehr als 200 Postraketen vom Schöckl nach St. Radegund.
Es war ein prächtiger Wintersonntag, wie er im Bilderbuch steht, jener 2. Februar 1931: Die Sonne strahlte vom blauen Himmel auf den Schnee am Schöcklplateau, wo sich eine kleine Gruppe von Männern versammelt hatte. Sie stellten ein drei Meter langes Metallgerüst auf, das in einem Winkel von 75 Grad gegen den Himmel gerichtet war. Ein Postsack wurde in einem mannshohen, zigarrenförmigen Gebilde verstaut, die neugierigen Schifahrer zurückgejagt - und alle gingen in Deckung.
Die erste Postrakete
Rauchentwicklung, ein Dröhnen und Zittern, dann schießt die "Zigarre" in die Luft - der Grazer Erfinder Friedrich Schmiedl hat mit seiner V 7 (Versuchsrakete 7) die erste Postrakete der Welt gestartet. Wenige Minuten später öffnet sich über St. Radegund ein Fallschirm und die Rakete mit 102 Briefen im Bauch landet sicher.
Doch in der Öffentlichkeit blieb diese Pioniertat unbekannt, nur einen Kreis von Interessenten hatte sich Schmiedl erschlossen - die Briefmarkensammler.
Der gebürtige Oberösterreicher (1902 in Schwertberg) hatte sich schon in frühester Jugend für Raketen interessiert. 1919 startete Fritz Schmiedl bereits die erste Stufenrakete der Welt. 1921 maturierte er in Salzburg und begann in Graz ein Technikstudium.
In seiner Dissertation über "Hitzefeste Antriebsdüsen" entwickelte er revolutionäre Gedankengänge, die seinen Professoren nicht einsichtig waren. Prompt wurde die Arbeit abgelehnt. 40 Jahre später wurden die Ideen als bahnbrechend erkannt.
Mehr als 200 Raketenversuche im Schöcklgebiet machte Schmiedl in den 20er- und 30er-Jahren, die international Aufsehen erregten. Die "New York Times" berichtete ebenso darüber wie indische und chinesische Zeitungen. Nur hierzulande machte man dem Erfinder Probleme. Denn in den Verordnungen über Verkehrsmittel war eine Postrakete nicht als amtlich anerkanntes Beförderungsmittel vorgesehen. Also wurden Schmiedl die Raketenflüge verboten. Auch seine selbst kreierten Briefmarken wurden als illegal befunden. Andererseits machten ihn die Beamten beständig auf neue "Hintertürln" in der Gesetzeslage aufmerksam, damit er seine Versuche weiterbetreiben konnte.
1935 kam es dann zum Höhepunkt der Schikanen: Es wurde eine Notverordnung gegen Raketenflüge geplant, in der man verlangte, dass der Erfinder sämtliche Gebiete, die seine Raketen überflogen, versichern lassen müsse. Doch der Ruf des Grazers war inzwischen international bereits so gefestigt, dass sich eine amerikanische Versicherungsgesellschaft bereit erklärte, die Versicherung werbewirksam zu übernehmen. In Wien war man bestürzt - nur nicht internationales Aufsehen erregen. Also wurde die Notverordnung nie erlassen.
"Notverordnungsraketen"
Nun bezeichnete Schmiedl seine Raketen als "Notverordnungsraketen" und nummerierte sie ironisch als N 1, N 2 usw. Ab N 6 verwendete er erstmals flüssigen Treibstoff und lenkte seine Raketen nicht mehr mit den störanfälligen Radiowellen, sondern mit Infrarotstrahlen. Schmiedls Raketen wurden immer perfekter - und sein Ziel war klar: die Konstruktion einer Weltraumrakete.
Doch eine neue Notverordnung stellt Ende 1935 den Besitz von Sprengstoff unter Todesstrafe. Schmiedl musste seine Treibstoffvorräte vernichten. Doch im Ausland vergaß man ihn nicht.
Sofort nach dem "Anschluss" an Nazi-Deutschland forderte man ihn auf, an der Weiterentwicklung der Raketen für die deutsche Luftwaffe mitzuarbeiten. Doch der überzeugte Pazifist Schmiedl meldete sich als Baufachmann zur Wehrmacht. 1945 kehrte er heim, krank und mit ruinierten Nerven. Auch Angebote, sich an der US-Raketenentwicklung zu beteiligen, lehnte er ab.
Spät erkannte man auch hierzulande seine Verdienste und ehrte den "Raketen-Schmiedl", der 1994 in Graz verstarb.

















