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Zuletzt aktualisiert: 30.08.2010 um 11:50 UhrKommentare

"Kunst ist nah an der Prostitution"

In einem Monat wollte er grüner Landesrat werden: Jörg-Martin Willnauer über die schwere Rückkehr auf die Bühne.

Jörg-Martin Willnauer

Foto © Erwin ScheriauJörg-Martin Willnauer

Mit dem Abstand von fünf Monaten: War die Kandidatur ein Kunstfehler?

JÖRG-MARTIN WILLNAUER: Keinesfalls. Ich hätte gerne ein Scherflein beigetragen. Schade, dass es nicht möglich war.

Was waren denn die Gründe für Ihren Rücktritt?

WILLNAUER: Inhaltlich gibt's ja keine Differenzen, es hat strategische Unterschiede gegeben und es ging um Stilfragen. Wer meine Programme kennt, weiß, dass ich nicht unter die Gürtellinie gehe, und im Wahlkampf ist das wahrscheinlich notwendig. Ich habe kein Wahlkampfnaturell.

Sind Sie seit dem letzten halben Jahr ein Politikverdrossener?

WILLNAUER: Ich war schon vor der Kandidatur ein politisch denkender Mensch und bin es auch danach. Aber Partei heißt immer Kompromiss, im Künstlerischen muss man kompromisslos sein.

Nach Ihrem Rücktritt sagten Sie, Sie müssten sich neu erfinden.

WILLNAUER: Das war nicht leicht. Ich habe den Tanker innerhalb eines halben Jahres zweimal um 180 Grad drehen müssen, was nicht ohne Folgen bleibt. Das heißt ja nicht, dass man sich um 360 Grad dreht und wieder an derselben Stelle ankommt.

Wie war es für Sie, als Sie medial - boshaft gesagt - als Kabarettnummer dargestellt wurden?

WILLNAUER: Als Künstler ist man gewohnt, einzustecken. Die Internet-Postings habe ich aufgegeben zu lesen, aber es hat mich nicht im Innersten berührt.

Wie macht der neue Willnauer nun weiter? Werden Sie weiter auf den Kleinkunstbühnen stehen, als ob nichts gewesen wäre?

WILLNAUER: Sicher nicht, meine Persönlichkeit hat sich schon verändert. Als kreativer Mensch werde ich auf jeden Fall weitertun, aber weniger hier und mehr in Deutschland spielen.

Hat Ihr Image als politischer Kabarettist in Graz gelitten?

WILLNAUER: Manche nehmen es einem übel, wenn man sich politisch exponiert, das finde ich lächerlich. In den Buchungen für Auftritte hat sich das mit deutlichen Rückgängen niedergeschlagen, aber das bringt mich nicht um.

Woran krankt es in der Kulturpolitik in der Steiermark?

WILLNAUER: Wichtig ist eine dezentrale Infrastruktur, da ist Oberösterreich ein Vorbild. Dort gibt es ein sehr gutes kulturelles Netz, damit auch Menschen außerhalb der Ballungszentren Kultur live genießen können. Es ist wichtig, dass Kulturpolitik Infrastruktur fördert und nicht Einzelpersonen.

Gibt es von Ihnen noch eine Wahlempfehlung für die Grünen?

WILLNAUER: Ja, natürlich. Ich wünsche mir eine rot-grüne Regierung und eine klare Opposition. Weg mit dem Proporz. Dieses System schadet dem Land und die Verantwortlichen wissen es. Aber weil sie ihre Macht höher stellen als das Landesinteresse, schaffen sie ihn nicht ab. Die Steiermark ist ein sehr schönes Land, aber mit einem Scheiß-System. Entschuldigung, aber das politische System ist wirklich schlecht.

Warum?

WILLNAUER: Dass 80.000 junge Österreicher jährlich weggehen, weil auf dem Posten, den sie anstreben, schon zwei sitzen - ein Roter und ein Schwarzer -, das ist Wahnsinn.

Zurück zu Kunst und Politik: Wie sehen Sie Auftritte wie den von Leo Aberer, der zuerst für das BZÖ spielte und dann seine Stimme für Franz Voves erhob?

WILLNAUER: Besser so als umgekehrt! Ich hoffe, er hat sich ein gescheites Honorar ausverhandelt und es schon bekommen.

Stellt das die Integrität des Künstlers nicht infrage?

WILLNAUER: Es kommt darauf an, ob die Auftraggeber Einfluss nehmen. Kunst und Kultur sind nicht selten nah an der Prostitution. Du musst ja das, was du produzierst, auch in einem öffentlichen Rahmen verkaufen.

Sollten Künstler von aktiver Politik die Finger lassen?

WILLNAUER: Nein. Ich muss mich ja als Künstler mit Politik beschäftigen, ob ich will oder nicht. Umgekehrt beschäftigt sich die Politik aber kaum noch mit Kunst, und das merkt man ihr auch an.

Bernd Hecke, Nina Müller

Auf Augenhöhe

Jörg-Martin Willnauer, geboren 1957 in heidelberg (D), lebt seit 30 Jahren als Kabarettist in Graz.

Politik. Am 12. November 2009 als grüner Spitzenkanditat für die Landtagswahl nominiert, am 21. April 2010 zurückgetreten.

Kabarett. Nächster Auftritt bei Kultur im Grünen" im Ragnitzbad am 10. September; das ursprüngliche für 2010 geplante Programm "Was ess' ich, wenn ich satt bin!?" soll 2011 Premiere feiern.

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