Die Schmerzen der Verdichtung
Der Abbruch des Alten Hofs in der Adolf-Kolping-Gasse heizt die Debatte um Altstadtschutz und Stadterneuerung an. Die Stadt kriegt Beton. Stadtplaner und Immobilienprofis meinen: Das ist gut so!

Foto © Sabine Hoffmann
Und wieder rollte schweres Gerät. Übrig blieb ein Haufen Schutt, dazwischen, Töpfe, Bilder, Spielzeug. Sarah Andersson steigt durch die Trümmer des "Castellhofs" in der Adolf-Kolping-Gasse. Sie hat "einen Kampf verloren".
Mit ihrer Initiative zur Rettung des Hofs aus dem 15. Jahrhundert wollte sie diese "Oase in der zubetonierten Stadt" retten - vergeblich. Erinnerungen an den Abbruch des Kommod-Hauses werden wach. Auch wenn die Empörung nicht ganz so weite Kreise zieht, kein politisches Nachbeben das Rathaus erschüttert.
Bald wird sich ein sechsstöckiges Haus mit 50 Wohnungen aus den Trümmern erheben, bekennt sich Fritz Gande, Geschäftsführer des Bauträgers SOB zur Erneuerung: "Wir haben eine Abbruchbewilligung, den Bebauungsplan mit der Stadt erarbeitet, alle rechtlichen Grundlagen für das Projekt." Der Grazer Altstadtschutz hatte hier keine Zuständigkeit, lag doch der Hof außerhalb der Schutzzone. Viele Bürger besänftigt das nicht.
Hauruck-Aktion
Emotionen, von denen sich ein Bauinvestor nicht bremsen lässt. Warum Gande in einer Hauruck-Aktion die Planierraupen auf den Hof losgelassen hat? "Die Initiative hat mit uns über einen Kauf verhandelt, aber gleichzeitig den Denkmalschutz eingeschaltet. Das war nicht korrekt." Gande gesteht ein, man habe schnell gehandelt, um das Risiko einer Unterschutzstellung auszuschalten: "Immerhin haben wir zwei Millionen Euro in Grundkauf und Vorarbeiten gesteckt." Der Denkmalschutz hätte der Firma Projekt massive Verluste eintragen können. Inzwischen ist klar: Denkmal war der Hof keines.
Der Trümmerhaufen ist dennoch Symbol und emotionaler Kristallisationspunkt für eine rasante Entwicklung in Graz: Just in den bevölkerungsreichen und dicht verbauten ersten sechs Stadtbezirken "steigen Anfragen nach Wohnungen und Ausbauten seit 18 Monaten drastisch an", bestätigt Richard Mayr von der Altstadt-Sachverständigenkommission (ASVK).
Standen die letzten Jahre im Zeichen der Familienwohnanlagen in Grünlage, verlangt der Markt nun die Verdichtung des Zentrums. Die Dynamik spricht für sich: Die Zahl der anwesenden Bevölkerung (mit Nebenwohnsitzen) ist schon auf fast 300.000 gestiegen. Auch Anleger stecken ihr Geld in unsicheren Zeiten gerne in zentrumsnahe Wohnungen, bestätigt Raiffeisen-Immobilienchef Nikolaus Lallitsch: "Und das ist auch gut. Graz hat bei Dachausbauten und der Verdichtung des urbanen Zentrums Nachholbedarf."
Immobilienprofis und Stadtplaner sind da einer Meinung: Neuer Wohnraum im Zentrum, dort wo die Infrastruktur bestens aufgestellt ist, stehe der Stadt gut zu Gesicht. Das sei eines der großen historischen Versäumnisse. Der Grazer Architekt Bernhard
Hafner hat in einem TU-Seminar den Kalender auf 1860 gestellt: "Graz hatte damals 70.000 Bewohner, heute leben in dieser Stadt 250.000 Menschen mit Hauptwohnsitz. Dem Bevölkerungswachstum steht aber ein Vielfaches an verbrauchten Flächen gegenüber."
Hafner prangert den verdichteten Flachbau in Graz an, der "Versorgungseinöden" am Stadtrand erzeugt habe. Durchlüftungsschneisen und Grünräume seien rar, die Infrastruktur hinke hinterher: "Man hätte die 160.000 dazugekommenen Einwohner in einem verdichteten Gürtel mit Parkanlagen um die Kernzone unterbringen können." Pendlersorgen, Stauchaos, das alles hätte sich Graz erspart.
Bau-Boom
Zurück in der Zukunft wird klar, diese Utopie gibt es nur noch am Reißbrett. Und doch schreitet die Verdichtung im Zentrum voran. Die SOB hat mit dem Bau neben der Gebietskrankenkasse, dem Projekt beim abgerissenen Kino im Augarten und jetzt beim Kastellhof in Jakomini gleich drei große Wohnbauprojekte im Portfolio. Auch das Großprojekt neben der Messe liegt im Bezirk. Und in Geidorf schießen seit Jahren neue Wohnanlagen empor.
Die Schmerzen der Verdichtung bekommen stets Anrainer zu spüren. "Der erste Bauabschnitt ist der Feind des zweiten", weiß Immobilien-Profi Lallitsch. Entweder sitzen also Anrainer im älteren "Zimmer mit Aussicht" und kämpfen dagegen an, dass ihnen diese durch ein neues Projekt verbaut wird, oder die Bürger kämpfen um historische Baujuwele in der Nachbarschaft.
Bürgermeister Siegfried Nagl ist um Beruhigung bemüht: "Die Projekte und Arbeitsplätze in der Bauwirtschaft haben große Bedeutung für die Stadt." Und die Wachstumsprognose für Graz mit plus 20.000 Einwohnern bis zum Jahr 2020 zeige, dass die Stadt mehr Wohnraum brauche. Um den Druck aus dem Zentrum zu nehmen, forciert Nagl den Ankauf des Reininghaus-Areals.
Bis es dieses Ventil für den Wohndruck gibt, bleiben Altstadtschützer alarmiert. Der Ansturm auf die Innenstadt macht Altstadtanwalt Manfred Rupprecht Sorgen. Allein 2009 gingen 700 Anfragen zu Um- und Ausbauten ein. Besonders Dachgeschossausbauten nahmen zu, in 100 Fällen zog er die Notbremse: "Oft werden Bauvorhaben genehmigt, obwohl die ASVK einen negativen Bescheid ausstellte."
Die Sorge um alte Häuser teilt Sarah Andersson mit ihrer - letztlich erfolglosen - Initiative zur Rettung des Castellhofs. Sie stemmt sich gegen den Beton, den das Grazer Zentrum kriegt und will bei anderen Sorgenkindern der Altstadt wachsam sein.
Und derer gibt es genug. Das Haus am Franz-Josef-Kai 36 gilt laut ASVK-Chefin Gertrude Celedin etwa als "heißes Eisen". Da es fast komplett leer steht, verfalle es nahezu unbemerkt. Rupprecht machte die Stadt schon im Jänner auf den Zustand des historischen Baus aufmerksam. Auf eine Antwort der Behörde wartet er bis heute.
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Sorgenkind Leonhardstraße 28
Seit Jahren steht das Geburtshaus des Volksschauspielers Alexander Girardi in der Leonhardstraße leer. Besitzer Otto Roiss will in das Denkmal investieren und bemüht sich mit seinem Architekten seit mehr als einem Jahr um Zustimmung der Altstadtschützer. Auch für Altstadtanwalt Rupprecht ist das Gebäude "umbauwürdig", jedoch haben Besitzer und Behörden hier unterschiedliche Vorstellungen.
Sorgenkind Franz-Josef-Kai 36
Das Gebäude gilt als Problemfall, die meisten Wohnungen stehen bereits leer. Ein Abbruchansuchen liegt aber nicht vor. Altstadtanwalt Rupprecht machte die Stadt im Jänner und im Juni auf den Zustand des Gebäudes aufmerksam, wartet jedoch auf eine Antwort seitens der Baubehörde. Das Haus wird erstmals 1596 erwähnt und ist in seiner heutigen Form bereits auf einem Kupferstich von 1695 zu sehen.
Lichtblick Sackstraße 28-30
Altstadtschützer bangten lange, dass aus dem Gebäude aus dem 16. Jahrhundert ein zweites Kommod wird. Auch hier ist die Wegraz der Eigentümer. Diese saniert das Haus jetzt, das Erscheinungsbild, welches seit dem späten 17. Jahrhundert unverändert ist, soll dabei erhalten bleiben. Das historische Tor ist derzeit temporär ausgebaut, um nicht von Baufahrzeugen beschädigt zu werden.
Lichtblick Schützenhofgasse 25
Lange führten Anrainer einen erbitterten Kampf zur Rettung der Villa im Herz-Jesu-Viertel, die nicht unter Denkmalschutz steht. Die Altstadt-Kommission argumentierte mit dem Ensemble-Schutz, die Causa ging bis vors Höchstgericht. Doch schließlich gelang die Rettung in letzter Sekunde. Die Villa steht heute immer noch, ist inzwischen umfassend saniert worden und ist auch bewohnt.
Neubau Burggasse 15
Hunderte Demonstrantenmarschierten 2003 auf und konnten die Planierraupen doch nicht halten. Die Wegraz ließ das Kommodhaus, das jahrelang dem Verfall preisgegeben war, wegen Gefahr in Verzug abreißen. Es folgten Polit-Beben im Rathaus, Prozesse, auch der Wegraz gegen einen Miteigentümer, die einen Neubau blockieren. Das Zaha Hadid-Projekt soll nun aber realisiert werden.
Neubau Hilmteichstraße 1
Ebenfalls der Immo-Multi Wegraz hat den Schanzlwirt in LKH-Nähe gekauft, um diesen auszubauen. Das Denkmal soll aber als Solitärbau stehen bleiben. Der Zubau, der auf dem derzeitigen Parkplatz entstehen soll, wird nur über einen Verbindungsbau angedockt. Gedacht ist an eine Wohnnutzung, das Traditionsgasthaus soll auch weiterhin gastronomisch bespielt werden.

















