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Zuletzt aktualisiert: 14.07.2010 um 13:31 UhrKommentare

Start frei für Operation Ausweichmanöver

Wer kennt die Grazer Straßen besser, Rad- oder Autotaxler? Die Kleine Zeitung Digital lädt zu einem spannenden mobilen Lokalaugenschein im Grazer Baustellen-Sommer.

Radtaxler Matthias Nöst (li.) und Autotaxler Helmut Hurth.

Foto © Birgit BaustädterRadtaxler Matthias Nöst (li.) und Autotaxler Helmut Hurth.

Exakt um 12.37 Uhr starten wir mit dem Radtaxi von der Herz-Jesu-Kirche im Grazer Bezirk Leonhard los. Unser Ziel ist die FH Joanneum in Eggenberg. "Ich weiß nicht genau, wo überall Baustellen sind", gesteht unser Radtaxler Matthias Nöst gleich vorweg. Die erste liegt nur wenige Schritte entfernt in der Sparbersbachgasse, die im Bereich Naglergasse bis zur Schillerstraße wegen Schienenarbeiten noch bis Ende Juli gesperrt ist. Mit rund 12 km/h geht es deshalb erst durch die Nibelungengasse und dann weiter in die Rechbauerstraße. "Normale" Radler ziehen rechts und links (!) an uns vorbei. Der mäßige Fahrtwind sorgt nur bedingt für Abkühlung.

12:41 Uhr:

Erste Verschnaufpause an der Ampel beim Übergang zum Stadtpark. Obwohl er schon etwas aus der Puste ist, erzählt er uns von seiner Arbeit. "Anstrengend" vor allem bei der Affenhitze sei das Taxlern. Dafür gibt's frische (!) Luft und Training umsonst dazu. Seit Mai ist Matthias in der Branche tätig. Zehn Radtaxis gibt es in Graz. Vier davon seien allerdings noch nicht im Einsatz. Die Taxometer fehlten, außerdem seien die Radkutschen – made in China - zu klein gebaut. Die Ampel schaltet auf Grün. Es geht weiter auf dem Radweg entlang des Glacis. Auf der Höhe der Zinsendorfgasse macht das Radtaxi einen Schwenk in den Stadtpark hinein. "Darf man denn das?", fragen wir. "Ich fahr' einfach. Aber ich glaube schon", gibt sich Matthias von möglichen Fahrverboten unbeeindruckt.

12.47 Uhr:

Wir ziehen am Platz der Versöhnung vorbei. Nur wenige haben sich bei der Hitze, die bereits dunkle Wolken am Himmel heranlockt, in den Park gewagt. Die Bremsen funktionieren, das kann man hören, als wir am Landessportzentrum vorbei Richtung Wickenburggasse rollen.

12.55 Uhr:

Ein gutes Stück haben wir schon zurückgelegt. Bereits auf der Keplerbrücke bereitet sich Matthias seelisch auf die Steigung in der Keplerstraße vor. Zwei Passagiere im Heck sind halt doch nicht so ohne. Dafür gibt es aber auch etwas mehr Geld. Ein Kilometer mit dem Fahrradtaxi kostet drei Euro. Die zweite Person zahlt die Hälfte drauf. Jede Rotphase ist willkommen, aber Matthias hält sich wacker. Ein kleiner Motor bietet die nötige Unterstützung.

13.03 Uhr:

Wir haben den Hauptbahnhof erreicht. Quer über den Europaplatz rollen wir Richtung Eggenberg. Zu unserer Linken können wir einen Blick auf die Riesenbaustelle in der Annenstraße erhaschen, die wir großräumig umfahren haben. Bis Ende Mai nächsten Jahres wird es dort kein Durchkommen geben - weder für Rad- noch für Autotaxis. Im Karacho geht es unter Bahnbrücke die Eggenberger Straße entlang. Knapp vor dem Ziel zwingt uns eine weitere Baustelle, die Straßenseite zu wechseln.

13.11 Uhr:

Ankunft bei der FH Joanneum. Matthias schwitzt, wir sind entspannt. Bis auf wenige Bordsteinkanten, die uns ordentlich durchgerüttelt haben, verlief die Fahrt ruhig und ohne Zwischenfälle. Unser Fazit: Mit 34 Minuten Fahrzeit ist das Rad-Taxi zwar nicht das schnellste Transportmittel, will man aber etwas von der Stadt sehen – und seien es auch nur Baustellen – ist es auf jeden Fall das richtige.

Zurück im Autotaxi

Wir steigen um. Unsere Rückfahrt zur Herz-Jesu-Kirche bestreiten wir in einem klassischen Autotaxi. Startzeit: 13.29 Uhr. Seit zehn Jahren ist unser Chauffeur Helmut Hurth berufsmäßig auf den Grazer Straßen unterwegs – "mit Leib und Seele". Baustellen in der Sommerzeit sind für ihn also nichts Neues. "Keep smiling", lächelt er uns ins Gesicht und wir nehmen ihm seine Fröhlichkeit sogar ab. "Wir sind ehrliche Banditen" scherzt er, "wir freuen uns über die Baustellen". Aber Vorsicht! "Manche Kollegen nutzen sie auch für Umwege aus".

Für unseren sympathischen Taxler kommt so etwas nicht in Frage. "Ich hab' fast nur Stammkunden." Um diese so schnell und so günstig wie möglich ans Ziel zu befördern, holt er auch beim ÖAMTC Auskunft über die besten Baustellen-Ausweichmanöver ein. Trotz Klimaanlage, die auch wir bei der Gluthitze zu schätzen wissen, gerät er immer wieder mal ins Schwitzen. "Ich spring einfach zwischendurch zuhause unter die Dusche oder in den Schwarzlsee", verrät Hurth sein frisches Geheimnis. Ein Reserve-T-Shirt hat er natürlich immer dabei.

13.32 Uhr:

Während wir plaudern, nehmen wir kurz vor der Baustelle Annenstraße - Eggenberger Gürtel, die erste Umleitung über die Finkengasse in die Niesenbergergasse. Zügig geht es parallel zur gesperrten Annenstraße über die Idlhofgasse, wo derzeit an der Fernwärme-Hauptleitung gewerkt wird. Behinderungen bemerken wir deshalb aber nicht. Wie reagieren eigentlich die Kunden auf die Baustellen, fragen wir. "Für nervöse Kundschaft hab ich immer einen Underberg dabei", verrät Hurth.

13.40 Uhr:

Über die Elisabethinergasse und die Rösselmühlgasse erreichen wir den Griesplatz. Unser Taxler checkt unterwegs seine nächsten Termine. Zwischendurch trumpft er mit spannenden Fakten auf. "Insgesamt gibt es in Graz circa 3.500 Straßen. Im Sommer sind davon 2.000 Baustellen." Er muss es schließlich wissen, die Straßen sind sein Revier.

13.45 Uhr:

Wir passieren den Dietrichsteinplatz. Das Dröhnen der Schremmhemmer aus der Reitschulgasse erreicht uns für wenige Momente. Nur noch die Sparberbachgasse und wir sind an fast unserem Ziel angekommen. Die Muße, die letzten Meter Umleitung über die Katzianergasse und die Nibelungengasse direkt vor die Herz Jesu Kirche zu fahren, hat unser Taxler nicht mehr. Ein kleines Baustellen-Stopp-Schild wird ignoriert. "Das werden sie uns sicher verzeihen", lacht der Taxler. Kurzes Händeschütteln, dann ist er auch schon weg. Die nächste Kundschaft wartet schließlich schon. Unser Fazit: Elf Minuten Fahrzeit sind angesichts des Baustellensommers sehr passabel. Pluspunkte bekommt auch die Klimaanlage. Guter Tipp am Rande: Wer zu Übelkeit neigt, sollte auf Schreibarbeit im Heck verzichten.

Barbara Jauk

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