Andritz-Chef: Ilisu-Projekt rechtsstaatlich genehmigt
Der Staudamm am Tigris im südosttürkischen Ilisu sei nun "nach allen Regeln der Kunst" in der Türkei genehmigt, erklärte Andritz-Chef Wolfgang Leitner.

Foto © APAWolfgang Leitner
Der Staudamm am Tigris im südosttürkischen Ilisu sei nun "nach allen Regeln der Kunst" in der Türkei genehmigt - und das Land habe als EU-Beitrittskandidat ein von allen Seiten anerkanntes Rechtssystem, erklärte Andritz-Chef Wolfgang Leitner im Gespräch mit der APA, warum sein Unternehmen an der Lieferung von Turbinen und Generatoren für das umstrittene Großprojekt festhält.
Die Türkei habe nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass sie an dem Projekt festhält, auch nachdem die Exportversicherer aus Österreich, Deutschland und der Schweiz ausgestiegen sind. Daher gebe es aus Sicht von Andritz jetzt kein neues Projekt, sondern nur eine Fortsetzung. Der Auftrag sei schon vor eineinhalb Jahren erteilt worden.
Leitner erwartet modernes Kraftwerk
Leitner erwartet, dass in Ilisu ein besonders modernes Kraftwerk mit hoher sozialer und umweltmäßiger Absicherung entstehen wird. Nicht zuletzt aufgrund der Proteste der Umweltschützer schütze das türkische Recht nun die Bürger bei Grundstücksablösen besser als früher. Auch das jüngste Urteil eines Gerichts in der Region, dass einige Grundstücksablösen rechtswidrig waren, zeige, dass das Rechtssystem funktioniert, argumentiert Leitner.
Leitner äußert sich nicht über die Umweltverträglichkeit des neuen Großstaudamms. Dazu gebe es die türkischen Prüfungen. Aber das historische Erbe der Stadt Hasankeyf sei erst im Fokus der internationalen Aufmerksamkeit, seitdem dort ein Staudamm geplant ist. Davor war der Ort "weder als Wiege der Menschheit noch als archäologisch besonders wertvoll" eingestuft, die Steine seien als Baumaterialreserve genutzt worden, erinnert Leitner. Ohne Eingriffe wäre Hasankeyf wohl in einem Jahrzehnt verschwunden gewesen.
Man könne durchaus anderer Meinung sein, was den Umweltaspekt und die Umsiedlung von Menschen betrifft. Aber man dürfe nicht jeden als Verbrecher darstellen, der nach einer Genehmigung dort hin liefert, wünscht sich der Unternehmenschef. Im kleineren Rahmen gebe es die vergleichbare Diskussion mit Umweltschützern auch in Österreich, etwa rund um das Murkraftwerk bei Graz. Auch dort hätten Umweltschützer gegen das Projekt lobbyiert, aber nachdem es genehmigt war, wurden die Lieferanten nicht mehr angegriffen.
In Ilisu sei Andritz kein Betreiber und habe nie für das Projekt lobbyiert. Auch hänge die Verwirklichung nicht an dem österreichischen Unternehmen, denn die Konsortialführung liege bei der türkischen Nurol, die einen Ersatz finden müsse, falls Andritz als Lieferant ausfallen sollte. Die chinesischen Konkurrenten könnten "spielend" einspringen, haben sie doch für andere Projekte drei- bis viermal so große Turbinen geliefert, so Leitner. Auch sei Andritz nicht der einzig verbliebene europäische Lieferant.
Es wäre "nicht verständlich, wenn wir uns nicht beteiligen würden" glaubt Leitner. Für Andritz sei dies ein großes, aber nicht für Wohl und Wehe ausschlaggebendes Projekt, das dem Unternehmen über sieben Jahre einen Umsatz von 340 Mio. Euro bringen soll - bei einem Gesamtprojektvolumen von 1,1 Mrd. Euro. Der durchschnittliche jährliche Umsatz von 49 Mio. Euro entspricht 4 Prozent des letzten Hydro-Umsatz von 1,38 Mrd. Euro (2009) bzw. 1,5 Prozent des Andritz-Umsatzes von 3,2 Mrd. Euro (2009).
Über einen drohenden Arbeitsplatzverlust bei einem Verzicht will Leitner aber keinesfalls spekulieren. Andritz habe das Geschäft wie jedes andere auch abgesichert und daher "kein Zahlungseingangsrisiko". Wichtig sei es für Andritz, die langjährigen Kontakte der VA Tech Hydro, die 2006 übernommen wurde, zu pflegen und Verlässlichkeit zu signalisieren. Auch in diesem Zusammenhang sei die Abwicklung des Auftrages wichtig.


















