Wechsel von Zeiten und Perspektiven
Die Grazer Oper eröffnet den "Lulu"-Premierenreigen zum 125. Geburtstag und 75. Todestag von Alban Berg - und wählt dafür die zweiaktige Torsoversion. Ein Wechselspiel zwischen Gier und Lust, Schwäche und Abhängigkeit.

Foto © Werner KmetitschHerbert Lippert (Alwa), Magdalena Dorner (Nelly)
Friedrich Cerha selbst hatte 1981 an der Grazer Oper die österreichische Erstaufführung seiner Vervollständigung von Alban Bergs "Lulu" dirigiert, die sich mit gutem Grund weitgehend durchgesetzt hat. Seine dreiaktige Fassung, die Bergs Symmetrie entspricht, mit der er einen Bogen über den sozialen Aufstieg und Niedergang der Titelheldin spannt, wird heuer bei den Premieren der Wiener Festwochen und Salzburger Festspiele ebenso zu sehen sein wie an der Mailänder Scala und der New Yorker Metropolitan Opera.
Liebe und Tod
Die Grazer Oper hingegen greift jetzt auf den zweiaktigen Torso zurück, spielt ihn aber nicht in der bis 1979 üblichen Form. Sie streicht die Variationen aus der von Berg vollendeten "Lulu"-Suite, bringt aus dieser nur das finale Adagio, schiebt aber als Beginn und nach dem zweiten Akt Szenen ein, in denen Lulu auf einer Schaukel zum kratzend von der Schallplatte tönenden Violinkonzert Bergs träumt. Während der "Lulu" komponiert, handelt es ebenfalls von Liebe und Tod, ist also eine legitime Ergänzung.
Sie ermöglicht es dem Regisseur Johannes Erath, Perspektiven und Zeiten zu wechseln, Lulu mit Doubles auftreten zu lassen und Tote wieder zum Leben zu erwecken. Im kargen Bühnenbild von Katrin Connan bleibt Lulus Bild als Pierrot eine Schimäre: Zu sehen ist nur der leere Rahmen - deutlicher Hinweis darauf, dass Lulu nur identitätslos die Erwartungen reflektiert, die von den Männern, die sie mit unterschiedlichen Namen bedenken, an sie herangetragen werden.
Erath inszeniert kein schwül-erotisches Spätbürgertumsdrama und keine Analyse einer einzigen Epoche, sondern interessiert sich für das Wechselspiel zwischen Gier und Lust, Schwäche und Abhängigkeit, kürt den Athleten zum zusätzlichen Mordopfer, vertieft sich in die Psychologie der Beziehungen.
Margareta Klobuar spielt Lulu nicht als männermordenden Vamp, sondern als naive, keine moralischen Schranken kennende, oft unschuldig und gleichgültig wirkende, sich ihrer Macht aber sehr wohl bewusste Kindfrau jenseits von Gut und Böse. Die Sopranistin singt mit Leichtigkeit und zarter Leuchtkraft, ringt ihrer Partie auch belcantistische Momente ab.
Glänzendes Ensemble
Auch die weitere Besetzung lässt kaum Wünsche offen: Iris Vermillion verleiht der Gräfin Geschwitz Grandezza und Unbedingtheit, Herbert Lippert stattet den Alwa mit tenoralem Schmelz aus, Taylan Memioglu wartet als Maler mit intensiver Ausdruckskraft und höhensicherem Tenor auf. Ashley Holland verdeutlicht als Dr. Schön prägnant die Schwäche eines Machthabers, Wilfried Zelinka brilliert als Tierbändiger und Athlet, Konstantin Sfiris gibt dem Schigolch in jeder Hinsicht Gewicht.
Johannes Fritzsch hat mit dem Grazer Philharmonischen Orchester gründlich gearbeitet. Er verschanzt sich nicht hinter kühler Analyse, sondern vereint Deutlichkeit mit Beredsamkeit, Sinnlichkeit und nötiger Härte.
Features
Fakten
"Lulu" von Alban Berg (Foto).
Aufführungen in der Grazer Oper: 6., 8., 12., 28. und 30. (18 Uhr) Mai sowie 18., 20. (18 Uhr) und 23. Juni, jeweils 19.30 bis 22.10 Uhr.
Karten: Tel. (0 31 6) 80 00.
www.oper-graz.com

















