"Ich geh' nicht auf Kuschelkurs"
Lisa Rücker ist nach zwei Jahren Regierens Schlusslicht im Image-Ranking. Die grüne Vizebürgermeisterin im Interview über gute Politik, die man auch spüren muss.

Foto © Jürgen FuchsLisa Rücker
Frau Vizebürgermeisterin, auf die Frage, ob die Grazer eine gute oder schlechte Meinung von den Stadtpolitikern haben, steht es laut OGM-Umfrage für "Kleine Zeitung G7" 43 zu 31 Prozent gegen Sie. Mit einem Saldo von minus zwölf sind Sie das Schlusslicht der Stadtregierung. Ist das nicht ein Alarmsignal?
LISA RÜCKER: Nein, ich kann damit gut leben. Wenn Politik nicht gespürt wird, ist es keine gute Politik. Elke Kahr von der KPÖ strahlt mit einem positiven Saldo von 22 Prozent beim Image, aber sie ist keine Politikerin, betreibt keine Wohnbaupolitik. Ich polarisiere, weil ich Graz verändern will, weil ich gegen Autoverkehr und für Klimaschutz eintrete.
Während die Grazer Grünen laut Umfrage im Vergleich zur Wahl 2008 bei 15 Prozent stabil liegen, legt Siegfried Nagls ÖVP von 38,4 auf 40 Prozent zu. Der Bürgermeister hat mit einem positiven Saldo von 32 Prozent das Top-Image. Kauft er den Grünen die Schneid' ab? Sind sie die Verlierer in dieser Koalition?
RÜCKER: Das war von Anfang an die Gefahr. Dass Nagl beliebt ist, ist keine Überraschung. Er tritt weiter als netter Mensch auf und erzählt allen, die Welt ist schön. Aber es ist nicht so, dass wir bei der ÖVP nichts erreicht hätten. Immerhin hängt sie sich nicht mehr mit rechten Scharfmacher-Themen hinaus. Und wenn wir Projekte umsetzen, wird sich das auch für uns lohnen.
Gutes Stichwort. Vorigen Sommer hat Nagl Alarm geschlagen. Die Koalition bringe zu wenig weiter, stellte er den Grünen die Rute ins Fenster. Man müsse mehr umsetzen. Jetzt ist eine Mehrheit der Bürger (43 zu 38 Prozent, Anm.) der Meinung, Graz bleibe zurück.
RÜCKER: Was nicht stimmt. Vieles vom Arbeitspakt ist erledigt. Wir müssen unsere Fortschritte nur besser kommunizieren. Wir beginnen die Nahverkehrsdrehscheibe beim Hauptbahnhof, die Gestaltung der Annenstraße, finalisieren die Verhandlungen für den Campus der Med-Uni und haben Erfolge bei der Forcierung des öffentlichen Verkehrs. Auch die Reform geht voran - und hier sind wir die einzige Körperschaft im Land, die nicht nur redet.
Die Mehrheit der Grazer hat eine schlechte Meinung von Ihnen, weil Sie zu grün sind. Ihrem Klub und der Basis sind Sie zu wenig radikal. Kann das gut gehen?
RÜCKER: Noch einmal: Wenn die Projekte realisiert sind, werden wir die Ernte einfahren. Ich fahre jetzt sicher keinen Kuschelkurs, werde weiter polarisieren und sicher keine Autofahrer-Streichelpolitik machen. Beliebtheit ist keine Kategorie für gute Politik. Da geht es um Umsetzungsqualität und Entscheidungsfreude. INTERVIEW: BERND HECKE

















