So regiert das Kartell der Mächtigen die Stadt
Neben den Politikern nehmen Wirtschaftsbosse, Lobbyisten und Funktionäre Einfluss auf das Stadtleben. Eine Topografie der Vernetzung.

Foto © Erwin ScheriauHelmut List und Markus Mair, zwei der mächtigsten Männer in Graz
Vergangenen Mittwoch im Grazer Congress: Rund 500 handverlesene Spitzenleute treffen für einige Stunden zum "Konjunkturgespräch 2010" zusammen. Eingeladen hat Raiffeisen, und gekommen sind sie alle: die Vorstandsvorsitzenden und Geschäftsführer, die Rektoren und Professoren, die Anwälte, Treuhänder und Konsulenten. "Eine kleine Vollversammlung", freut sich Gastgeber Markus Mair über die geballte Präsenz. Der Termin ist ein Hochamt der Vernetzung von Macht, Geld und Einfluss. Wer es auf die 33 Seiten starke Einladungsliste geschafft hat - zu 80 Prozent sind das ältere Männer -, der ist wichtig in Graz.
Biotop der Vernetzung
Die Stadt mit ihrer überschaubaren Größe ist das ideale Biotop für virtuose Netzwerker, die durch amikale Synergieeffekte ihren Einfluss stetig mehren. Meist verbinden diese Mächtigen eine gesellschaftliche, wirtschaftliche oder kulturelle Führungsfunktion mit einem fein gesponnenen Flechtwerk aus persönlichen Beziehungen, die im Bedarfsfall formlos eine schnelle Kontaktnahme erlauben. Die Grenzen zwischen Beruf, Bekanntschaft, Hobby und Privatleben sind dabei fließend.
Mair, seit 2005 Generaldirektor und Vorstandsvorsitzender bei Raiffeisen, ist selbst eine fixe Größe in diesem informellen Machtkartell. Er leitet nicht nur die wichtigste Bank, sondern ist auch Aufsichtsrat beim Energieversorger Energie Steiermark, bei der Grazer Wechselseitigen Versicherung (Grawe), bei der Uniqa-Versicherung und bei der Styria Media Group. Neun Aufsichtsrats- und fünf Geschäftsführersitze in Tochterfirmen hat der smarte 45-Jährige inne. Von den Opernfreunden bis zum Komitee des Franziskanerklosters reicht seine Spannweite. Mair ist auch Mitglied des Rotarier-Klubs Graz-Zeughaus (dem etwa Verfassungsrichter Christoph Grabenwarter, Styria-Vorstand Wolfgang Bretschko, Anwalt Martin Piaty oder Werber Heimo Lercher angehören) sowie Ehrenbandträger der CV-Verbindung Carolina, die Bürgermeister Siegfried Nagl zu den Ihrigen zählt.
Finanzdrehscheiben
Seine Ankerplätze hat das Grazer Macht-Kraftfeld vor allem in der Wirtschaft: Raiffeisen und die Steiermärkische Sparkasse sind die Finanzdrehscheiben, die Grazer Wechselseitige und die katholische Kirche sind die größten Immobilienbesitzer der Stadt. Dazu kommen Behörden, Universitäten, Sozialpartner und die wichtigen Firmen: die Andritz AG mit Boss Wolfgang Leitner, die Energie Steiermark mit Oswin Kois, die Autoschmiede Magna, die AVL-Gruppe, die Styria, die Merkur Versicherung, die Imperien der Selfmade-Unternehmer Rudi und Hans Roth.
Firmenchefs wie Rudi Roth, der auch ungarischer Konsul und GAK-Vorstandsmitglied ist, winken freilich ab, wenn man sie auf ihre Macht anspricht: "Ich habe Kontakte und werde ab und zu bei gewissen Themen gefragt. Das ist alles." Styria-Vorstandsvorsitzender Horst Pirker beteuert, er stehe "dem Thema Macht nicht sehr affin gegenüber", da ihn andere Aspekte des Lebens stärker interessierten. Rotarier sei er mehr aus Zufall: "Ich wurde vor 27 Jahren eingeladen und bin dann dabeigeblieben. Aber es hat mich dort in all der Zeit höchstens fünfmal jemand geschäftlich angesprochen."
Franz Harnoncourt-Unverzagt, Aufsichtsratschef der Grawe, engagierter Malteser, früherer Chef von Kastner & Öhler sowie Mitglied eines der mächtigen Grazer

















