Spuren der Weisheit und der Macht
Herlinde Koelbl porträtiert am liebsten Menschen. Mit der Kamera erforscht sie, wie Zeit, Schicksal und andere Kräfte die Gesichter verändern.

Foto © KanizajHerlinde Koelbl
Ein Konzept ist wichtig", sagt Herlinde Koelbl. "Aber man darf Menschen nicht für ein Konzept benutzen." Mit ihren Projekten zeigt die deutsche Fotografin, was sie damit meint. Die großen Fotozyklen, mit denen sie berühmt wurde, handeln alle eindringlich, aber behutsam von Menschen. Von Unbekannten (wie etwa "Das deutsche Wohnzimmer") und von Berühmten.
"Spuren der Macht" heißt ein Langzeitprojekt, bei dem Koelbl deutsche Politiker über Jahre hinweg vor die Kamera bat. So Gerhard Schröder, Joschka Fischer, Angela Merkel. Die Sitzungen mit dieser sind nach wie vor nicht beendet. Von Gerhard Schröder, erzählt Koelbl im Gespräch mit der Kleinen Zeitung, habe sie ein Jahr nach Ende dessen Zeit als Kanzler ein Bildnis gemacht: "Da hat sich wieder etwas getan in seinem Gesicht."
Eine Arbeit, die ihr ganz besonders am Herzen liegt und die deshalb auch im Vorjahr in der großen Koelbl-Retrospektive im Berliner Martin-Gropius-Bau besonders präsentiert wurde, sind die "Jüdischen Portraits". Achtzig in den 1980er-Jahren aufgenommene Menschen-Bilder. Und Gespräche. "Sie sind hier genau so wichtig wie die Fotos", sagt Koelbl, die für die Grazer Präsentation rund vierzig Bilder, zumeist mit Österreichbezügen, ausgewählt hat.
Bei der Arbeit speziell an den "Jüdischen Portraits" habe sie enorm viel gelernt: "Unendlich beeindruckt hat mich die Tatsache, dass meine Gesprächspartner kaum verbittert waren, wozu sie allen Grund gehabt hätten. Ich fand so viel Weisheit und Menschlichkeit. Und es entwickelten sich echte Freundschaften."
Die drei Ausstellungsräume im Stadtmuseum sind thematisch geordnet: "Es geht um jüdische Identität, um die Frage, wie Betroffene nach Auschwitz mit Gott umgehen, und um das Thema Heimat." Dazu Erich Fried, der als junger Mann aus Wien flüchten musste: "Österreich ist ganz eindeutig meine Heimat, und ich werde nie eine andere Heimat haben. England war nicht einmal meine Wahlheimat, sondern nur eine Notlösung."
Koelbl finanziert ihre aufwendige Arbeit selbst, kommerzielle Aufträge von Magazinen nimmt sie an, um sich oft über Jahre hinweg einem Thema widmen zu können. Derzeit laufen "zwei große internationale Projekte", über deren Inhalt sie noch schweigt: "Das wird auch noch einige Zeit brauchen."
Als Autodidaktin habe sie es einerseits schwerer gehabt, andererseits "musste ich keine Einflüsse von Lehrern abschütteln".
Features
Zur Person
Herlinde Koelbl, geboren 1939 in Lindau.
Beginnt Mitte der 1970er- Jahre als Autodidaktin zu fotografieren; zahlreiche Ausstellungen und Bücher.

















