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Zuletzt aktualisiert: 19.01.2010 um 13:53 UhrKommentare

Melzer: "Literatur ist keine blutleere akademische Übung"

Literauturhaus-Chef Gerhard Melzer feiert am Mittwoch seinen 60. Geburtstag. Im Interview erklärt er, dass "Nabl-Institut und Literaturhaus sind in ihrem Zusammenwirken Kraftzentren der Literatur".

Gerhard Melzer holte zuletzt niemanden geringeren als Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller nach Graz

Foto © Marija KanizajGerhard Melzer holte zuletzt niemanden geringeren als Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller nach Graz

Anlässlich seines 60. Geburtstages (17. Jänner) sprach der Grazer Literaturprofessor Gerhard Melzer über seine Arbeit, seine literarischen Interessen sowie seine Erfahrungen mit dem Nabl-Institut und dem Literaturhaus. Melzer studierte Germanistik und Geschichte und habilitierte sich 1985. Er beschäftigte sich unter anderem eingehend mit dem Werk Peter Handkes. Seit 1990 leitet er das Franz-Nabl-Institut für Literaturforschung der Universität Graz, und seit 2003 steht er auch dem damals gegründeten Literaturhaus vor. Im Grazer Meerscheinschlößl wird morgen, Mittwoch (20. Jänner) ein Fest für ihn gegeben.

Was hat Ihr Interesse an Literatur geweckt?

Melzer: Ich war ein eher introvertiertes Kind, dem das Lesen und bald auch das Schreiben die Möglichkeit geboten hat, Erfahrungen zu machen, teilzuhaben an der Welt, ohne gleich unmittelbar in sie verstrickt zu werden. Lesen schafft Distanz zum Leben, ermöglicht gleichzeitig aber dessen intensive Durchdringung. Das war mir als Kind natürlich nicht bewusst, aber ich denke heute, dass es das war, was mich zur Literatur gebracht hat.

Gibt es Werke, die Sie schon ein Leben lang begleiten, und inwiefern hat sich Ihr literarischer Geschmack im Laufe der Jahre gewandelt?

Melzer: Ich habe durchaus altersgemäß gelesen, also zunächst auch das, was man damals "Schund" genannt hat: Comics und "Heftchenliteratur", Jerry Cotton und andere Krimis, Abenteuer- und Wildwestromane und natürlich Karl May. Meine Vorlieben sind dann mit dem Alter mitgewachsen. Während des Studiums hat mich eher das Theater interessiert, das Lebendigmachen von Texten durch Menschen im dreidimensionalen Raum. Wirklich nachhaltig und berufsentscheidend literarisch sozialisiert hat mich das Milieu rund ums "Forum Stadtpark" und die Zeitschrift "manuskripte". Was Literatur sein kann und leistet, habe ich in diesem Umfeld erfahren, das ja nicht nur ein Schreib-, sondern auch ein Lebensumfeld war.

Was hat Ihr Interesse an den Arbeiten von Peter Handke geweckt?

Melzer: Es gab nicht den auslösenden Impuls. Handke war, als ich mit dem Werk in Berührung kam, geradezu ein Popstar der Literatur. Dazu kam, dass er damals mit jenem "Forum"-Kreis identifiziert wurde, der mich gerade zu prägen begann. Ich las ihn also, wie viele andere auch, und lese ihn bis heute mit jener Neugier, die sein Schreiben provoziert. Handkes Werk ist in besonderer Weise geeignet, ein lebenslanger Begleiter zu sein, weil es keinerlei Routine kennt. Es ist immer für eine Überraschung gut. Handke ist ein Meister des Anfangs.

Was liegt Ihnen bei Ihrer Arbeit auf der Uni besonders am Herzen?

Melzer: Zu vermitteln, dass die Beschäftigung mit Literatur keine blutleere akademische Übung ist, sondern Lebenshorizonte und Erfahrungsräume erschließt.

Wo sehen Sie die Bedeutung des Nabl-Instituts?

Melzer: Literarische Zeugnisse einer Region zu sammeln, sachgerecht zu verwahren und wissenschaftlich aufzuarbeiten, stellt einen wesentlichen Beitrag zur Identitätsbildung dar. In Zeiten, in denen die Speicherkapazitäten wachsen und wachsen, aber das Erinnerungsvermögen schwindet, bedarf es solcher Einrichtungen, die das geistige und kulturelle Vermächtnis eines Landes wahren.

Wie würden Sie die Aufgaben des Grazer Literaturhauses beschreiben, wodurch grenzt es sich vom Nabl-Institut ab?

Melzer: Literaturhäuser sind Orte der Begegnung, die dem Publikum Gelegenheit bieten, über die Lektüre im stillen Kämmerlein hinaus mit Autorenpersönlichkeiten, Schreibweisen und Ausdrucksformen der Literatur in unmittelbare Berührung zu kommen. Letztlich wollen Literaturhäuser Werbung machen für Literatur, und das schließt ein, dass sie sich um möglichst attraktive, vielfältige Vermittlungsformen bemühen. Lesungen können, obwohl sie ja dem immer gleichen Muster zu folgen scheinen, höchst sinnliche, intensive Ereignisse sein. Demgegenüber wirkt das Nabl-Institut nach innen, sichert und reflektiert nachhaltig, was das aktuelle Literaturgeschehen hervorbringt, und die Ergebnisse dieses Bemühens können durchaus wieder zurückwirken, etwa in Form von Ausstellungen oder Personalen, auf die Programmgestaltung des Literaturhauses. So gesehen sind Nabl-Institut und Literaturhaus in ihrem Zusammenwirken so etwas wie ein Kraftzentrum der Literatur.

Wie sehen Sie den Ankauf von Vorlässen von Autoren?

Melzer: Solche Ankäufe, die noch zu Lebzeiten der Autoren abgeschlossen werden, sind eine Win-win-Situation für beide Seiten: die Autoren haben nicht nur im materiellen Sinn was davon, sondern auch im ideellen. Sie wissen, dass das Fortleben ihres Werkes in guten, professionellen Händen ist, und die Institution, die das Material übernimmt, kann zusammen mit dem Autor so manche Frage klären, die ohne dessen Mitwirkung mit erheblichem Rechercheaufwand verbunden wäre und vielfach gar nicht mehr verbindlich beantwortet werden könnte.

APA: Woran arbeiten Sie derzeit, welche Pläne haben Sie für die Zukunft?

Melzer: Ein großes Projekt , an dem wir zusammen mit den "manuskripten" arbeiten, ist ein Schwerpunktprogramm zum 50-jährigen Bestehen der Zeitschrift im Dezember 2010. An die fernere Zukunft denke ich erst, wenn sie näher gerückt ist.

INTERVIEW: APA

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