"Die Sprache alleine ist zu wenig"
Ghetto-Bildung, Parallelgesellschaft? Es geht auch anders. Das beweist Berlant Nazhueva aus Tschetschenien, die 2002 nach Österreich geflüchtet ist.

Foto © KLZ DIGITAL/KanizajBerlant Nazhueva
Berlant Nazhueva muss nachdenken. Warum sie sich so gut integriert hat, kann die 24-jährige Tschetschenin auf die Schnelle gar nicht beantworten. Zu selbstverständlich erscheint es ihr, dass sie seit sechs Jahren in und mit Graz lebt. "Eigentlich ist das gleich gegangen."
Viele andere Landsleute von ihr leben zwar auch hier, angekommen sind sie in der Murmetropole aber noch nicht. In der Öffentlichkeit fallen Tschetschenen vor allem durch ein Thema auf: Schlägereien. Manchmal untereinander, manchmal mit anderen Volksgruppen - dann geht es vorzugsweise gegen Afghanen. Integration schaut anders aus.
"Da ärgern wir uns jedes Mal", sagt Nazhueva. "Es gibt genug andere, die studieren und arbeiten und nicht so einen Blödsinn machen." Schwaches Elternhaus, Perspektivenlosigkeit und sich dahinschleppende Asylverfahren sind für sie mögliche Gründe für solche Ausbrüche. "Auch wenn wir sehr temperamentvoll sind: Den typisch wilden Tschetschenen gibt es ja nicht."
Bei Nazhueva ist alles anders. Das Elternhaus ist stark, die Perspektive im neuen Land hat sie sich selber erkämpft und Asyl hat sie nach zwei Jahren 2004 bekommen. Heute arbeitet die 24-Jährige mit ihrer Sprache. Sie ist für den Verein Omega als Dolmetscherin aktiv, übersetzt bei Behördengängen, im Krankenhaus, vor Gericht. Nebenher studiert sie Soziologie. "Mein Tag bräuchte 35 Stunden", lacht sie.
Ihr Sprachentalent ist wohl der Grundstein für ihren erfolgreichen Weg in Graz. Im August 2002 hat die Familie Nazhueva - Eltern und zwei jüngere Brüder - die Flucht nach Österreich angetreten. Nach einem Jahr in einem Flüchtlingslager im ländlichen Nirgendwo wurden sie nach Graz verlegt. "Hier konnte ich endlich beginnen, die Sprache zu lernen", erzählt sie. Kurse hat es zwar keine gegeben, aber sie hat sich Deutsch selbst beigebracht. Erst beim Vorstudienlehrgang hat sie ihren ersten Sprachkurs gemacht. "Dort konnte ich meine Grammatik festigen."
Man muss sich öffnen
Aber: "Die Sprache alleine ist zu wenig für die Integration. Man muss sich öffnen, versuchen, das neue Umfeld zu verstehen." Viele Migranten schotten sich erst einmal ab. Sie sind vor Problemen geflüchtet und stoßen hier auf neue. Zu fremd erscheint ihnen die neue Welt, man kennt die Geschäfte nicht, die Behörden agieren nur defensiv und langsam, das Schulsystem funktioniert anders. Wenn man diese Hürde am Beginn nicht überwindet, kann Integration nicht gelingen.
Freunde finden
"Und", ergänzt Nazhueva, "Freunde sind ganz wichtig." Die können die neue Heimat erklären und helfen, diese Hürde zu überspringen. Ein bunter Freundeskreis verhindert das Abtauchen in eine Parallelgesellschaft. Auch da hat Nazhueva Glück, sie ist sehr kontaktfreudig. "Das habe ich vom Papa."
Das Wort Ghetto kennt sie zwar, für die Tschetschenen trifft das aber nicht zu. Sie wohnt mit ihrer Familie in einer Gemeindewohnung in Straßgang. Zu fünft auf 87 Quadratmetern.
Heim nach Naurskii, einem 5000-Seelen-Dorf nahe der tschetschenischen Hauptstadt Grosny, will sie nicht mehr. "Was soll ich dort? Ich hab dort nichts." Ihre Heimat ist jetzt Graz.
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AMS-Chef Karl-Heinz Snobe Foto © KLZ DIGITAL/Kanizaj
"Migranten sind die ersten Opfer"
AMS-Chef Karl-Heinz Snobe analysiert den Arbeitsmarkt für Migranten.
Nehmen Ausländer den Österreichern die Arbeit weg?
KARL-HEINZ SNOBE: Nein, sicher nicht. Es ist viel mehr so, dass Migranten die ersten Opfer bei Krisen sind. Das sehen wir auch aktuell und lässt sich klar mit Zahlen belegen: Während im Vergleich zum Vorjahr die Arbeitslosigkeit bei Inländern um 30 Prozent gestiegen ist, sind es bei Ausländern 40 Prozent.
Wie sind Migranten qualifiziert? Gibt es da Unterschiede zu Österreichern?
SNOBE: Die Unterschiede sind eklatant: Von den aktuell 5075 arbeitslosen Ausländern haben 75 Prozent nur einen Pflichtschulabschluss. Bei den 33411 Österreichern sind es 35 Prozent. Daher kann ich nur sagen: Bildung schützt vor Arbeitslosigkeit beziehungsweise man bekommt schneller wieder einen Job.
Welche Jobs machen Migranten eigentlich?
SNOBE: Die Klassiker sind in der Dienstleistung: Reinigung, Pflege, Personalbereitstellung, aber auch am Bau und in der Gastronomie.
Haben nicht Migranten oft zu kämpfen, dass ihre Qualifikationen hier anerkannt werden?
SNOBE: Ja. Wir starten daher auch das neue Projekt "Kompetenzanalyse", um gezielter vermitteln zu können.













