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Zuletzt aktualisiert: 25.11.2009 um 21:22 UhrKommentare

Robert Menasse: "Die Realität schön lügen"

Angriffig wie eh und je präsentiert sich der Schriftsteller Robert Menasse. Hatten Politiker früher keinen Begriff von Kultur, so wissen sie jetzt nicht, was Politik bedeutet.

Robert Menass gastiert im Künstlerhaus Graz

Foto © ReutersRobert Menass gastiert im Künstlerhaus Graz

Morgen diskutiert der Schriftsteller Robert Menasse im Künstlerhaus Graz im Rahmen von "Kultur Macht Mensch" mit dem ehemaligen Kulturlandesrat und jetzigen Landtagspräsidenten Kurt Flecker. In der "edition suhrkamp" ist soeben Menasses Band "Permanente Revolution der Begriffe" erschienen. Er nennt dieses Buch zum Studentenprotest "Vorträge zur Kritik der Abklärung".

Beim Streitgespräch in Graz wird es um Kulturpolitik gehen. Welche Brennweite braucht das Vergrößerungsglas, um in Österreich eine klar formulierte Kulturpolitik entdecken zu können?
ROBERT MENASSE: Das Problem der österreichischen Kulturpolitik hat sich, wenn man einen längeren Zeitraum überblickt, eigentlich ziemlich verschärft. Früher haben die politischen Eliten keine Ahnung gehabt, was der Begriff Kultur bedeutet und heute wissen die politischen Eliten nicht mehr, was Politik bedeutet. Das ist natürlich verheerend, wenn sie dann auf einmal Kulturpolitik machen sollen.

Rund um die so genannte Auslandskulturtagung Anfang September haben Sie in einem "Standard"-Gastkommentar deponiert: "Wenn eine Kulturnation sparen muss - wo spart sie? Bei der Kultur. Wo sonst? Sie hat ja sonst nichts. Darum heißt sie ja Kulturnation." Klingt da nicht Sarkasmus pur durch oder habe ich mich verhört?
MENASSE: Genau daran kann man den wahren Stellenwert von Kultur für die österreichische Politik erkennen: Würde die Kulturnation Österreich Kultur wirklich ernst nehmen, dann würde sie sie nicht kaputtsparen.

Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Es wird viel gefördert und finanziert. Prozentuell gesehen sogar mehr als in so manch anderen Staaten rund um uns herum.
MENASSE: Kulturpolitik ist nicht bloß ein Posten in der Buchhaltung, sie bedeutet mehr. Ökonomische Kennzahlen drücken keine inhaltliche Qualität bei Fragen der Kultur aus. Eine Budgetzahl sagt zum Beispiel wirklich nichts darüber aus, ob produzierende oder reproduzierende Kunst gefördert wird; auch nicht darüber, ob in der Hoffnung auf Umwegrentabilität - und damit in Wahrheit die Wirtschaft - subventioniert wird. Oder über die Herstellung von Rahmenbedingungen, die die Produktion zeitgenössischer Kunst ermöglicht und somit das kulturelle Leben der Menschen fördert. Aber das wären die Entscheidungen, die die Kulturpolitiker treffen und die sie dann auch vertreten müssten.

An welche Adresse richtet sich denn Ihr Appell?
MENASSE: Bezeichnenderweise hat die Kulturpolitik in Österreich nicht einmal eine Adresse: Ein bisschen ist sie in Untermiete bei der Bildung, ein bisschen steckt sie in einer Abstellkammer des Außenministeriums und so weiter und so fort. Wer immer dann jeweils ein bisschen verantwortlich ist, den interessiert sie nicht wirklich. Und als Beobachter weiß man schon nicht mehr, ob die so genannten Verantwortlichen nur ahnungslos sind oder sich ganz bewusst die Realität schön lügen.

INTERVIEW: REINHOLD REITERER

Begegnungen 2009

Robert Menasse im Gespräch mit Kurt Flecker.

Freitag, 19.30 Uhr, Künstlerhaus Graz, Burgring 2. Der Eintritt zu dieser Veranstaltung ist frei.

Moderation: Andrea Schurian.

Steckbrief

Robert Menasse wurde am 21. Juni 1954 in Wien geboren.

Karriere: Seit 1988 rege Publikationstätigkeit als Essayist, Übersetzer und Romancier.

Neu: "Permanente Revolution der Begriffe". suhrkamp.

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